Kahn-Interview: "Werde einen Teufel tun und aufgeben" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kahn-Interview "Werde einen Teufel tun und aufgeben"

Am Tag nach seinem Blackout hat Oliver Kahn selbstkritisch auf den folgenschweren Fehler beim 1:1 des FC Bayern München im Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid reagiert. Doch von Resignation kann keine Rede sein. Für das Rückspiel in Madrid am 10. März hat sich der Bayern-Keeper viel vorgenommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herr Kahn, wie haben Sie sich nach dem folgenschweren Fehler gefühlt?

Oliver Kahn:

Da hat man nur Fluchtgedanken im Kopf, da will man nur weg vom Ort des Geschehens.

Wie bitter ist es für Sie, dass Ihnen so ein Fehler gerade in diesem Spiel passiert ist?

Kahn: Das ist das Torwartleben. Es kann dich immer wieder erwischen. Egal - wann, wie, wo. Du musst immer damit rechnen. Ich habe immer gesagt, in diesem Geschäft können sich innerhalb von Zehntelsekunden Welten verändern. Und genau das ist passiert.

Was erwarten Sie für die Partie in Madrid?

Kahn: Die Chancen für das Rückspiel sind gut. Das ist eine große Verpflichtung für mich. Wer mich kennt, der weiß, dass ich regelrecht über mich hinauswachsen werde. Wenn das Tor dazu führen sollte, dass wir ausscheiden, werde ich natürlich die volle Verantwortung übernehmen. Aber so weit ist es ja noch nicht. Es sind Momente, in denen man als Sportler besonders gefordert ist. Dann gewinne ich das Spiel eben alleine.

Hat Sie Ihre Rückenverletzung behindert?

Kahn: Die Verletzung ist längst überwunden. Den muss ich halten, aus, fertig. Da kann man ohne zwei Arme und zwei Beine spielen.

Hat Sie vielleicht auch das Theater nach dem Länderspiel gegen Kroatien beeinflusst, als Jens Lehmann Sie persönlich angriff?

Kahn: Nicht nur das. Wenn man sich die ganze Woche mit irgendwelchen Diskussionen herumschlagen muss, die eigentlich völlig unsinnig sind, die normal nicht im Ansatz diskussionswürdig wären nach einem Freundschafts-Länderspiel, in dem ich in meinen Augen eine absolute Topleistung gebracht habe bis auf den unglücklichen Fehler kurz vor Schluss. Es ist klar, auch bei mir gibt es irgendwann Grenzen.

Klingt sehr nachdenklich.

Kahn: Sicherlich muss ich mich fragen, was momentan los ist. Ich glaube, ich war noch nie körperlich in so einer guten Verfassung, habe noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet, so viel trainiert. Aber irgendwas scheint nicht zu stimmen. Das ist etwas, wo ich einfach mal die Gründe für mich selbst suchen muss. Mal in mich reingehen muss, mal fragen muss, was das alles zu bedeuten hat.

Was bedeutet 'In sich gehen'. Inwieweit könnten Sie das analysieren?


Kahn: Es gibt immer Momente in einer Sportkarriere, in denen man überlegen muss, was eigentlich so abläuft um einen herum. Ob das noch mit rechten Dingen zugeht. Was da für Dinge veranstaltet werden um einen herum. Ob man nicht irgendwann sagt, ist es das eigentlich noch wert, dass man gewisse Dinge permanent für sich in Kauf nimmt und sie auch erträgt? Und daraus einfach seine Schlüsse zieht.

Denken Sie an Ihr Karriereende?

Kahn: Das habe ich damit nicht gesagt. Sondern es gibt immer Momente, in denen man mal anhält. Einfach mal nachdenkt. Nicht dass jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht. Aufhören werde ich mit Sicherheit nicht. Es wird noch einige Jahre dauern, bis ich aufhöre. Aber - wie gesagt, hinterfragen muss man sich schon in gewissen Momenten.

Auch, ob Sie sich im Länderspiel besser hätten auswechseln lassen?

Kahn: Mittlerweile wahrscheinlich. Aber das entspricht nicht meinem Charakter. So schlimm war das auch nicht mit der Rückengeschichte, dass man sich unbedingt auswechseln lassen muss. Ich habe bis zu diesem Moment ein Superspiel gemacht, da verlässt man nicht den Platz. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass man seinem Konkurrenten den Einsatz nicht gönnt, das ist totaler Schwachsinn.

Müssen Sie nicht vielleicht etwas lockerer werden?

Kahn: Auch darüber muss ich nachdenken. Aber ich werde den Teufel tun und aufgeben: Wer weiß, was in Madrid passiert. Wir können dort auch gewinnen - und darauf muss ich mich einstellen.

Aufgezeichnet von Natalie Wörner, sid und Andrea Wimmer, dpa