Kahn-Suspendierung: Titan ohne Reich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kahn-Suspendierung Titan ohne Reich

Diesmal hat er sich überschätzt: Mit seiner Kritik an den beiden wertvollsten Spielern des FC Bayern manövrierte sich Oliver Kahn ins Abseits. Für ein Spiel wurde der Torwart suspendiert, seine Reaktion war Einsicht statt Erregung - auch aus Angst um sein eigenes Denkmal.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es dauerte nicht lange, da schnurrte seine Stimme entschuldigend aus allen Radios im Land. Oliver Kahn bereut. Von alleine freilich wäre er sicher nicht auf die Idee gekommen. Da mussten schon ein paar Erziehungsberechtigte aus der Bayern-Führungsetage herabsteigen, um einem Anfall von Größenwahn Einhalt zu gebieten. So marschierten Ottmar Hitzfeld und Manager Uli Hoeneß zu Kahn in die Kabine und teilten dem Sünder das Strafmaß mit. 25.000 Euro und ein Spiel Denkpause für die Partie gegen Hertha am kommenden Samstag.

Früher durfte der einst mächtigste Torwart des Landes jeden im Verein zusammenfalten - und immer wurde das als motivatorisches Geschick verklärt. Diesmal hat Kahn seine Position heillos überschätzt, als er die neuen Kollegen Franck Ribéry und Luca Toni attackierte. Bayern sei nicht "Marseille oder Florenz" und "nur zwei, drei gute Spiele" reichten nicht aus. Kahn hat seit jeher das Problem, den eigenen Ehrgeiz mit dem Mannschaftssport zu vereinbaren. Diversen Ausrastern auf dem Rasen folgte nun der Fehltritt im Interview mit dem "Kicker". Dass sich Kahn ausgerechnet die wertvollsten Mitarbeiter der Bayern AG für seine plumpe Attacke aussuchte, war jedenfalls ausgesprochen dumm.

Weiteren Ärger aber wollte sich vor allem Uli Hoeneß ersparen. Er muss schließlich demnächst die brennende Frage klären, ob der verständnisvolle Dompteur Hitzfeld noch der Richtige für den Star-Zirkus FC Bayern ist. Und Hitzfeld selbst wäre ohne die Bereitschaft, mit auf den Tisch zu hauen, endgültig erledigt gewesen.

Schon lange gehört eine spürbare Distanz zwischen den Bayern und ihrem Torwart zum Arbeitsverhältnis. Verdächtig schnell war die Idee verworfen, es mit Kahn als Nachfolger von Hoeneß auf dem Managerstuhl zu versuchen. Wollte Kahn mit seinen verbalen Fouls gegen Ribéry und Toni dafür Werbung machen, ging der Schuss kräftig nach hinten los.

Aber warum gab Kahn so schnell klein bei? Das mag an drastischen Worten der Richter Hoeneß und Hitzfeld gelegen haben. Oder es steckt mehr dahinter als ein Interview oder der kolportierte zu frühe Abgang bei der Weihnachtsfeier, den die Vereinsführung als zweiten Bestrafungsgrund ins Feld führt. Die vergleichsweise lammfromme Reaktion des Testosteron-Titanen spricht zumindest dafür, dass ihm sehr viel an der Unversehrtheit des eigenen Denkmals in München gelegen ist; durch einen handfesten und womöglich monatelangen Streit mit den Vereinsoberen wäre wohl eine Beschädigung einhergegangen. Und davor fürchtet sich selbst ein furchtloser Egomane wie Kahn.

Hitzfeld und Hoeneß jedenfalls lösten ein ernstes Autoritätsproblem und wiesen das bekennende Alpha-Tier in seine Schranken. Kahn, so heißt es, sieht seine Zukunft nach dem Karriere-Ende im kommenden Sommer ohnehin in Asien, was die gesamte Bayern-Führung mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Im fernen Asien – ganz im Gegensatz zur Welt des FC Bayern – ist Kahn der unumstrittene Megastar. Das Königreich an der Säbener Straße aber ist schon lange nicht mehr sein Reich.