Kick it: Der Horror nach dem Jubel - DER SPIEGEL
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Kick it Der Horror nach dem Jubel

Vielleicht wird es noch spannend, wer Meister wird - sicher ist, wer absteigt.
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Bild hätte man einfrieren müssen am Nachmittag des 29. Mai 1999. Ein paar Sekunden nach Jan-Aage Fjörtofts Übersteigertor, in einer aufgezogenen Totalen, die den Retter des Frankfurter Klassenerhalts inmitten eines jubeltrunkenen Waldstadions zeigt. Und wenn dann auf schwarzem Grund der Schriftzug "The End" erschienen wäre, hätten sich Eintracht-Fans ausmalen können, wie glorreich es von nun an weiter gehen würde, und die Visionen wären auf ewig im Reich der Phantasie zu Hause gewesen.

Aber Fußball ist kein Hollywoodfilm. Und in Frankfurt war das Happy End trügerisch. In Wahrheit war es der Auftakt zu einem Horrorfilm. Seit dem Mai ist es düster geworden um den Verein, schwarz und immer schwärzer. Soweit das überhaupt geht.

Offenbar aber geht die Steigerung von schwarz sogar ziemlich gut und zwar besonders unter ehemals ehrwürdigen Bundesligavereinen. Womöglich wetteifern die Meister und Diven von einst darum, sich nun wenigstens im Niedergang noch auszustechen. Den jahrelang siechen 1. FC Köln erwischte es endlich 1998. Wie man heute vermuten kann, gerade rechtzeitig genug, denn bald kehrt er geliftet in die Belle Etage zurück. Geläutert ist er sicher nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Borussia Mönchengladbach hielt sich mit Mühe ein Jahr länger, bekam dafür von den Kölnern Toni Polster aufgehalst und von den Statistikern noch zwei bescheuerte Jahrzehntrekorde dazu: In den neunziger Jahren in der Bundesliga die meisten Niederlagen und die meisten Gegentore kassiert zu haben. Aber das ist alles nichts gegen Frankfurt, das sich in Nullkommanix durch luxuriöse Einkäufe gen Zahlungsunfähigkeit manövriert hat und auch sportlich so bankrott ist, dass nur noch Bielefeld und Duisburg mithalten können. Zum Lizenzerhalt fehlen mutmaßlich zweistellige Millionenbeträge, zum Klassenerhalt vor Rückrundenstart schon acht Punkte.

Wahrscheinlich also wird Fjörtoft die Erinnerung verleidet. Es wird ihm nicht vergönnt sein, als athritischer Großvater im Schaukelstuhl auf der Veranda noch ein Zucken im Fußgelenk spüren und verzückt daran denken, was für ein wunderbares Tor es war, damals im Mai '99. Denn das war es: ein sagenhaft cooles Tor.

Aber bald schon wird es nicht mehr das Lieblingstor der Frankfurter, sondern dass der Fans von Kickers Offenbach sein. Weil es den Anfang vom Ende der Intimfeinde markiert. Und gerade noch glücksberauschte Eintrachtler werden verkatert klagen, dass es besser gewesen wäre, der vermaledeite Fjörtoft wäre über seine Beine gefallen und der Verein solide abgestiegen. So ändert die Zeit nicht das Tor, sehr wohl aber seine Bedeutung.