Kick It: In Demuth und Völlerei - DER SPIEGEL
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Kick It In Demuth und Völlerei

Die Ruuuuudimania und warum einem plötzlich wieder einfällt, dass nicht nur Nationalmannschaftsfußball wieder Spaß machen kann.
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was so ein kleiner Personalwechsel alles bewirken kann! Einfach den Teamchef ausgetauscht - und schwuppdiwupp ist gleich die Stimmung riesig, die Leistung der Mannschaft ordentlich (ordentlich - mehr nicht, wir üben uns in neuer Bescheidenheit), aber eben doch eine rechte Völlerei nach der großen Rumpelkur. Danke Ruuuuuuuuuudi! Es geht bergauf! Endlich wieder Spaß!

Endlich können wir der deutschen Nationalmannschaft wieder schmerzfrei zusehen. Denn wir haben große Sehnsucht nach ein bisschen Lebensfreude, entwöhnt, wie wir sind, nach ungefähr hundert Jahren Vogts und Ribbeck. Mit Rudi aber ist das Dasein endlich wieder schön. Das sehen auch die Spieler so, die auf einmal nicht mehr spielen, als hätten sie furchtbare Gehirn- und reden, als hätten sie schreckliche Wadenkrämpfe.

Rudi ist halt ein irre netter Typ, der zwar keine großen Weisheiten von sich gibt, aber dafür auch keinen elaborierten Unsinn redet. Nein, der gute Rudi tut nicht so, als habe er den wichtigsten Job im Land und sei umgeben von ignoranten Dummköpfen. Rudi Völler zeigt einfach, dass er Spaß am Fußball hat. Und wann hat es so was zuletzt schon gegeben? Spaß?

Spaß! Schauen wir also glücklich in die Zukunft. Oder erst mal in die Gegenwart und sehen: Spaß muss sein. In Dortmund hat sich in Nullkommanix die Dauerdepression in Hoffnung verwandelt, seit Matthias Sammer die Leitung übernommen hat. Dessen Leidenschaft und Liebe zum Spiel können sich selbst abgezockte Profis nicht entziehen. Männer hingegen wie Felix Magath oder Otto Rehhagel oder Lorenz-Günther Köstner machen nicht den Eindruck, als gehöre Spaß im Entferntesten zu ihrem Begriffsrepertoire. Und so spielen ihre Mannschaften ja auch.

Alles also eine Frage der Stimmung. Und nicht immer des Geldes. Nirgends sieht man das schöner als beim FC St. Pauli. Dort hat Trainer Dietmar Demuth mangels Geld beim Spielerkauf die Charakterfrage berücksichtigt. Armut hilft eben mitunter sehr, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Nun bringt der Trainer dieser willigen No-Budget-Truppe sogar etwas bei, was näherungsweise wie Spielkultur aussieht. Und bei zwei Siegen, elf Toren und Tabellenführung haben natürlich alle ihren Spaß.

Demuth ist auch so freundlich, das Geheimnis dieses Erfolges preiszugeben. Man muss, sagt er, einfach versuchen, den Gegner "durch permanentes Toreschießen zu zermürben". Das ist ganz ohne jeden Zweifel eine der besten Spielideen der Fußballgeschichte überhaupt, wenn nicht die beste schlechthin. Und natürlich ist es die reinste Völlerei. Aber - geschenkt! Bescheidenheit macht schließlich nur dann Spaß, wenn es in Demuth steil nach oben geht.