Kick It: Ist der Hooligan ein Mensch? - DER SPIEGEL
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Kick It Ist der Hooligan ein Mensch?

Am Samstagabend war Otto Schily zu Gast im Sportstudio. Diskussionsthema: Wie soll man mit Hooligans umgehen? Das Gespräch zwischen dem Bundesinnenminister und dem ZDF-Moderator war allerdings eine Riesenenttäuschung.
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Otto Schily, der Bundesinnenminister, war am Sonnabend zu Gast bei Wolf-Dieter Poschmann im ZDF-Sportstudio. Die beiden Männer hatten viel zu tun. Am Anfang standen Ehrungen für behinderte und faire Sportler. Der Zusammenhang? Er blieb vage, peinlich sowieso, und die Präsentation war lieblos.

Vielleicht sparten der Moderator und der Minister Kräfte, denn gegen Ende der Sendung stand noch die staatstragende Frage an, ob die Bewerbung für die WM 2006 in Gefahr geraten könnte.

Nicht etwa, weil Fifa-Chef Blatter Sympathien für Afrika hegt, nein, wegen der EM in Holland und Belgien. Dort wiederum droht Gefahr durch Hooligans. Herr Poschmann sagte: "Wenn es zu Ausschreitungen kommt, wird das die WM-Bewerbung tangieren." Herr Schily pflichtete Herrn Poschmann unbedingt bei: "Der schöne Fußballsport darf nicht in Misskredit geraten." Dem ließ er die beruhigende Mitteilung folgen, "dass wir die allerbesten Voraussetzungen für die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft haben, Franz Beckenbauer leistet da hervorragende Arbeit".

Gut, vielleicht ist Herr Schily zu entschuldigen, offenbar dachte er, er spräche in diplomatischer Mission vor einer Delegation internationaler Journalistenschüler zum Beispiel. So konnte er natürlich auch nicht klarstellen, dass es zynisch ist, im Zusammenhang mit Ausschreitungen, bei denen Menschenleben in Gefahr geraten, erst mal an sinkende WM-Chancen zu denken: so zynisch, wie schon der Vorbericht zu diesem Gespräch gewesen war. Dort wurde zu einer martialischen Bildercollage von mal vermummten, mal prügelnden Männern, die keinerlei Kontexte erkennen ließ, mitgeteilt, es handele sich bei Hooligans um "nicht resozialisierbare Chaoten".

Schauderhaft. Schily erschauderte nicht. Poschmann sowieso nicht. Wahrscheinlich hatten sie wieder nicht zugehört. Und auch nicht allzu viel nachgedacht. Denn zwar muss niemand, der nicht selbst Lebensenergie aus eruptiver oder organisierter Gewalt zieht, begreifen oder gar gutheißen, was Hooligans tun. Erst recht nicht, wenn bei den Schlachten Menschen zu Schaden kommen wie Daniel Nivel, Menschen also, die sich nicht freiwillig in sie hineinbegeben haben. Aber wieso wird über Menschen gesprochen, als seien sie wilde Tiere, die weggesperrt gehören, und es bleibt unwidersprochen? Vielleicht weil man sich in mit dieser Sicht der Dinge in der kleinen Welt des Fußballs Freunde macht? Zum Beispiel den Teamchef Erich Ribbeck, der einmal über Hooligans sagte: "Denen müsste man so ein Kampfgebiet außerhalb vom Stadion geben, dann sollen sie sich da die Köpfe blutig hauen, wenn sie das brauchen, dann würde das nicht so auf den Fußball abfärben." Handgreifliche und verbale Entgleisungen liegen manchmal offensichtlich nicht weit auseinander. Sowohl die Hooligans als auch die Schwadroneure über Hooliganismus sind meist körperlich gesunde Männer in jungen bis besten Jahren. Sie prägen das Bild, das den Schaden in den Köpfen anrichtet. Wenn man es nun nicht besser wüsste, wie dumm Kategorien dieser Art sind, könnte man sagen: Männer, entweder brutal oder beschränkt! Aber damit wäre niemandem geholfen. Keinem Menschen. Und erst recht keinem Mann.