Kick it: Männchen mit Einheitsschlipsen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kick it Männchen mit Einheitsschlipsen

Endlich ist Schluss mit den Randsportarten. Wer sich zuletzt selbstlos Ringen, Rudern und Reiten gewidmet hat, braucht jetzt vor allem eines: ein Fußball-Update, damit die schönste Nebensache der Welt wieder zur Hauptsache werden kann. Nur: ist sie überhaupt noch schön?
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schaun mer mal: Es sind verdammt schwere Zeiten. Noch schwerer als vor zwei Wochen. Außer für Rostock. Die haben ihren Trainer gefeuert und gewinnen nun immer, gerade erst beim FC Bayern. Mangels Konkurrenz bleibt der trotzdem Tabellenführer, hat aber eine spielerische Schaffenskrise. Damit sind die Münchner aber beileibe nicht allein: Alle Verein, die international antreten, kriseln vor sich hin und leiden hier oder da unter zu viel Druck, zu viel Belastung, zu wenig Pausen.

Der Vorteil: Die Spieler, diese verwöhnten Kerlchen, zeigen sich wieder ob der kleinen Freuden des Lebens dankbar. Leverkusens Michael Ballack zum Beispiel schnappte sich nach seinem jüngsten Einsatz ein Stück Sandkuchen, verputzte es geschwind und teilte dann einem besorgten Fernsehreporter mit: "Es ist wichtig, dass man was isst, man spielt ja fast schon alle drei Tage."

In der Führung von Bayer sehen sie derweil nicht verhungert, sondern übernächtigt aus. Den fiesen Rivalen aus Bayern ist nämlich eingefallen, dass sie nächstes Jahr keinen Bundestrainer Christoph Daum haben wollen. Zu sehr im Visier der Staatsanwaltschaft, zu blau angezogen, zu flackernde Augen - was auch immer. Also macht München kräftig Stimmung. Daum und Leverkusen wehren sich verzweifelt, aber in den letzten zwei Wochen etwa so souverän, wie sich der 1. FC Köln bemüht hat, mal zu gewinnen, und Otto Rehhagel, nicht mit Schimpf und Schande vom Betzenberg gejagt zu werden. Ergebnis: Köln steht auf einem Abstiegsplatz, Rehhagel hat gestern seinen Hut genommen.

Ach, international haben wir übrigens gerade eine kleine Krise. Letzte Woche gingen alle Champions-League-Spiele verloren. Nun erreicht vermutlich nur Bayern die zweite Gruppenrunde.

Macht aber gar nichts: Im Fernsehen guckt eh keiner mehr hin. Wie auch? Uefa-Cup-Spiele werden inzwischen auch schon mal gegen Mitternacht ausgetragen. Champions-League-Spiele werden wegen der Gleichschaltung vermutlich immer noch alle um 20.45 Uhr angepfiffen. Aber niemand kann das wirklich wissen, die Spiele existieren mehrheitlich ja nur im exklusiven Universum des Bezahlfernsehens. Wie wenig Menschen den Männchen mit den rotgelben Einheitsschlipsen zu sehen, weiß der liebe Gott allein.

Ja, so sieht es aus mit dem Fußball. Alles wird immer schlimmer. Alles ist wie immer.