Kick It: Möller ist Schalke - DER SPIEGEL
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Kick It Möller ist Schalke

15 Wochen nach der Anschaffung von Andy Möller steht Schalke 04 nicht etwa kurz vor der Selbstzerfleischung, sondern ist Spitze in der Bundesliga. Warum?
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den ersten Blick tut der Andy nicht viel. Wie immer spielt er momentweise brillant, aber stundenlang praktisch gar nicht mit. Man kann es auch anders sehen: Andy drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt die anderen glänzen. Das sorgt für ein gutes Gemeinschaftsgefühl. Ein echter Pluspunkt.

Ein weiterer: Seine Selbstlosigkeit. Am dritten Spieltag vergab Andy souverän einen Elfmeter. Dadurch verzichtete er auf den Ruhm, derjenige zu sein, der Schalke zur ersten regulären Tabellenführung seit 1977 schoss. Der nächste sympathische Zug, wo doch Fußballer eigentlich alle Egoisten sind. Andys Kollegen Sand und Mpenza zum Beispiel, die alle (!) zehn Schalker Bundesligatore der Saison unter sich ausgemacht haben.

Andy stellt sich ganz in den Dienst der Sache. Als wolle er jedem beweisen, dass er der geborene Schalker ist, hat er auch aus dem Stand die Wortführerrolle übernommen: Andy ist der neue Olaf Thon.

Jahrelang hat der inzwischen geschasste Libero "Thöni" den Menschen erklärt, wie Schalke funktioniert. Nun ist es Andy, der noch plaudert und kleine Witze macht, wenn der Rest der Mannschaft längst auf dem Heimweg ist. Dann warnt er gern, dass Schalke noch kein ernstzunehmender Bayern-Jäger sein könne, dass noch viel Arbeit zu tun sei, und er viel besser werden müsse und könne und wolle. Das Tolle ist: Man glaubt es ihm sofort.

Vielleicht ist Andy erwachsen geworden, ein Andreas nun und endlich auch ein bisschen clever. Geschickt hat er sich auf dem ersten Stadionheft noch mit scheuer Miene abbilden lassen, das Trikot nicht übergestreift, sondern etwas verschämt in den Händen haltend. So viel Demut muss das Herz der Schalker gerührt haben. Schalker sind nämlich ziemlich leicht zu rühren. Niemand hat so dicht am Wasser gebaut wie sie. Außer - Andy. Vielleicht passen sie deshalb ganz gut zusammen.

Natürlich haben auch die Schalker Andy früher immer als Heulsuse beleidigt. Deshalb hieß es, nach Schalke zu wechseln sei mutig von Andy. Aber was hatte er schon zu verlieren? Schlechter konnte sein Image gar nicht werden. Und besser vielleicht gerade und nur durch den Gang nach Gelsenkirchen.

Das hat prompt geklappt, sogar ohne dass der Andy viel dazu tun musste. Egal ob er einen Elfmeter verschießt oder nach schlechtem Spiel ausgewechselt wird, sie feiern ihn. Das mag nach ziemlicher Gesinnungslumperei der Schalker aussehen.

Aber gut, Schwamm drüber. Jeder weiß: Nichts ist so alt wie die Überzeugungen von gestern. Und nichts so flüchtig wie der Jubel von heute. Denn werden sie ihn auch noch lieben, wenn er weiter seine Chancen vergibt und der S/M-Sturm das mal nicht ausbügelt? Müßig zu erwähnen, dass Andy selbst am unermüdlichsten darauf hinweist, dass seine echte Nagelprobe noch bevorsteht. Himmel, der Mann ist helle, dass es einem Angst und Bange werden kann.