Kick It Olala, Kirsten wunderbar
Fußball ist ein Mannschaftssport. Menschen wie Boris Becker wissen das und sind Tennisspieler geworden. Menschen wie Ulf Kirsten wissen das vielleicht auch, sind aber trotzdem im Fußball gelandet. Bei Kirsten könnte man vermuten, es war nicht seine Wahl, sondern irgendwann in den frühen siebziger Jahren hat jemand in Riesa entschieden, dass der Kerl dem Fußball zugeteilt wird.
Er ist dann Stürmer geworden. Und hat den Auftrag so verstanden: Ich soll die Dinger reinmachen, also soll der Rest der Truppe zusehen, dass ich die Pille vorgelegt kriege.
Fuchsteufelswild hopste und giftete Kirsten jahrein jahraus in Leverkusen, wohin er nach der Wende übersiedelt wurde, auf dem Spielfeld herum, wenn die Hintermänner sich wieder mal zu doof anstellten. Das Meckern war nicht Frustabbau eines ewig Scheiternden, sondern drückte den persönlichen Ehrgeiz des mit Abstand erfolgreichsten Bundesligatorschützen der neunziger Jahre aus.
Die Bayer-Fans danken es Kirsten mit der gesungenen Festzeile: "Olala wir haben einen Kirsten, olala Kirsten wunderbar!" Aber trotzdem nervte dieses Genörgel. Und: Meister wurde Bayer damit auch nicht.
Dass Kirsten zugleich verhohlen oder unverhohlen allergisch auf Nebenstürmer reagierte, machte die Angelegenheit nicht besser. Paulo Rink, als Spieler und in der Selbstwahrnehmung typgleich, packte irgendwann zwischendurch seine Sachen und verließ Leverkusen Richtung brasilianische Heimat. In diesem Winter kehrte er ins Rheinland zurück.
Schwer geläutert stellt er sich seitdem in den Dienst der großen Sache Bayer-Meisterschaft: Rink kämpft von Grundlinie zu Grundlinie, kümmert sich persönlich um verletzte Mitspieler, hilft den Balljungen bei der Arbeit. Tore schießt er auch. Und zwar an der Seite von Kirsten. Der, oh Wunder, wird gar nicht mehr müde zu erzählen - und eigentlich redet er außerhalb des Platzes nicht gern - dass der Paulo und er sich früher gegenseitig kein Tor gegönnt hätten. Jetzt aber, jetzt sei alles anders und gut.
So weit ist es gekommen, dass Kirsten kürzlich einen Elfmeter herausgeholt hat, den er dann Paulo zu schießen bat. Oder, dass er tut, was er am Sonntag in Hamburg tat. Selbst in einer für einen Stürmer wie ihn ordentlichen Torschussposition schoss er eben nicht, sondern spielte den Ball ab zu Jens Nowotny. Der Verteidiger, dessen sporadische Vorstöße ins Angriffsspiel oft wuchtig, aber eher glücklos sind, schob den Ball ins freie Tor. So ist der Kirsten von heute.
Vielleicht also wird Bayer nun Meister, weil ihr bester Stürmer aller Zeiten am Ende seiner Karriere ein Mannschaftsspieler geworden ist.