Kick it Schreckensvision und Lagerkoller
Vaals - Oliver Bierhoff hat es geschafft. Wenn alles gut läuft, hat er die EM hinter sich. Muskelfaserriss in der Wade, mindestens eine Woche Pause. Dann könnte es mit der Veranstaltung für die deutsche Mannschaft längst vorbei sein. Wer würde es bedauern?
Erich Ribbeck?
Eher wäre er wohl erleichtert. Jeden Tag muss er sich mit Dingen befassen, die etwas anders sind als die Tagesplanung eines Pensionärs auf Teneriffa. Und jeden Tag muss er eine halbe Stunde dutzenden von Journalisten Fragen zu dieser Arbeit so beantworten, dass die keine Schlüsse daraus ziehen können. Aber verzweifeln, weil die Exegese gedehnter Sätze ohne Inhalt schon nach eineinhalb Pressekonferenzen quälend stumpfsinnig ist.
Auch muss Ribbeck eine Mannschaft trainieren. Eigentlich sogar hauptsächlich das. Was also ist in dieser Woche seit dem Spiel am Montag geschehen? Dienstag war Auslaufen. Anschließend bis zum nächsten Mittag frei. Es folgte ein Showtraining auf einem Dorfplatz, das einem erschütterten Spieler wie "Kirmes" vorkam, weil der Acker unplanmäßig von begeisterten Dorfbewohnern gestürmt wurde.
Da kann man natürlich sagen: Soll sich die deutsche Nationalmannschaft doch an Fans so reinen Herzens freuen, solange sie überhaupt noch Fans hat. Nebeneffekt des Showtrainings war, dass nicht etwa bei Matthäus wieder ein Muskel zugemacht hätte und sich damit alles Gewese um Deppentum und Rücktrittsversprechen von allein erledigt hätte. Nein, es erwischte den Kapitän. Das erleichtert Ribbeck nun immerhin die Auswahl der Stürmer. Und ein, zwei echte Trainingseinheiten zur Formationsfindung gibt es vor dem Spiel gegen England ja vielleicht doch noch. Andererseits sagt da ein schlauer deutscher Kollege: "Was sollen die jetzt schon noch trainieren?" Auch wieder wahr. Genauso wahr, dass sich in dieser ersten Turnierwoche intern nichts nach vorne bewegt hat beim Titelverteidiger. Jens Nowotny wollte eine große Aussprache, Ribbeck hielt eine Ansprache. Kern der Botschaft, dem Vernehmen nach: Alles bleibt, wie es ist.
Da lacht der Kollege einer europäischen Sportzeitung, den das harte Schicksal zum Korrespondenten bei der deutschen Mannschaft gemacht hat. Das deutsche Spiel, sagt er: "wie Polen", das Gebaren von Mannschaft und Trainer: "klein und arrogant".
Ach, denkt man da, wie traurig. Und wäre gerade gerne Franzose - was für ein elegantes System. Oder Portugiese - welch genussvolle Leidenschaft. Oder auch Belgier - welch anrührender Kampf.
Und das schlimmste: So wie die Engländer schwächeln und geschwächt sind, könnte dieses in Stein gemeißelte, erstarrte Deutschland sehr wohl noch das Viertelfinale erreichen. Was für eine Schreckensvision!