Kieler Aufstiegsträume Auf Hoffenheim reagiert Holstein allergisch
Roland Reime hat einen Traum. Es geht darin um Montagsspiele im DSF, um St. Pauli, Freiburg oder 1860 München, Hunderttausende an den Fernsehern und ein volles Stadion. Vielleicht geht es auch um ein bisschen mehr Bedeutung. Reime träumt von der Zweiten Liga.
In der Realität ist Roland Reime, 62, Präsident von Holstein Kiel und sein Verein ein Viertligist. Die Gegner heißen BFC Türkiyemspor oder VFC Plauen. Manchmal zeigt das Regionalfernsehen Ausschnitte der Spiele.
"Der Verein hat aufgrund der wenig erfolgreichen jüngeren Vergangenheit echte Imagesorgen", sagt Reime. Der Präsident sitzt in der Vereinsgaststätte "Holsteiner", er trägt eine goldene Uhr zum dunkelblauen Anzug und raucht Zigarre. Durch den ausbleibenden Erfolg sind viele Fans zu anderen Fußballclubs im Norden wie dem HSV oder dem FC St. Pauli abgewandert. Einige sogar zum Handballverein THW Kiel.
Das soll sich ändern. Reime handelte und holte einen Trainer, dessen Verpflichtung dem Regionalliga-Nord-Spitzenreiter im vergangenen Dezember bundesweit Aufmerksamkeit sicherte. Weil der Trainer Falko Götz hieß, sein Assistent Andreas Thom und beide bei Hertha BSC schon zusammengearbeitet hatten.
Mit beiden will Holstein Kiel nun an längst vergangene, erfolgreichere Zeiten anknüpfen. 1981 stieg der Verein aus der Zweiten Bundesliga ab, seitdem pendelt er zwischen Regional- und Oberliga. "Im Zeitraum des Vertrages muss der Erfolg kommen - ansonsten müsste Holstein wahrscheinlich seine Ambitionen begraben", sagt Reime. Die Hauptsponsoren sind zwei Kieler Kaufleute, die auch im Aufsichtsrat sitzen. Sie investieren seit Jahren viel Geld in den Verein, ohne dass etwas Zählbares dabei herausgesprungen wäre. Bei der Entscheidung zugunsten Falko Götz' haben sie mitgewirkt. In ihn setzen sie ihre Hoffnungen.
Götz wirkt entspannt, als er im Trainingsanzug das Hinterzimmer der Gaststätte direkt am Stadion betritt. Aufgrund seiner Erfahrung genießt er in der Kieler Führungsetage einen großen Vertrauensvorschuss - und man merkt, dass er es weiß. Bei Hertha BSC Berlin war Götz zunächst als Amateur- und Jugendkoordinator tätig, als Profi-Trainer holte er viele junge Spieler in den Kader. In München setzte er ebenfalls auf junge Kräfte, scheiterte jedoch damit - 1860 stieg ab.
In Kiel wird Götz als Alleskönner gesehen, als Vorreiter und Anführer. Er soll den Jugendbereich koordinieren, die Jugendtrainer schulen, Vorträge vor den umliegenden Vereinen halten - und die Ligamannschaft nebenbei in die zweithöchste deutsche Spielklasse führen. "Er hat hier alle Kompetenzen, wenn er einen Vorschlag macht - und es finanziell passt - dann handeln wir", sagt Reime.
Nicht immer passt es jedoch: "Der Laktattest ist noch nicht in trockenen Tüchern", sagt Götz und sieht zu Reime herüber, dies müsse noch mit der Vereinsführung abgesprochen werden.
Eingefädelt wurde der Götz-Deal durch den Anwalt und Spielerberater (unter anderem 13 Spieler von Holstein Kiel) Steffen Schneekloth, der als Berater des Clubs fungiert und im Auftrag des Präsidiums den Markt nach geeigneten Kandidaten für das neue Konzept der Holsteiner sondieren sollte. Dem bisherigen Trainer Peter Vollmann wurde trotz Tabellenführung und 132 Punkten aus 65 Ligaspielen die Realisierung der Kieler Träume von der Zweiten Bundesliga nicht zugetraut. "Schon Anfang 2008 war mir klar, dass ich handeln muss, deshalb habe ich ihm ja auch nur einen Einjahresvertrag gegeben", sagt Reime. Es sei eine Entscheidung nach einer klaren Analyse gewesen. Den langfristigeren Erfolg versprach man sich aufgrund seiner Erfahrung von Falko Götz, der aus einem Kandidatenkreis von fünf Trainern ausgewählt wurde und gemeinsam mit seinem Assistenten Thom an die Förde kam. "Es war keine Entscheidung gegen Peter Vollmann, sondern für Falko Götz", sagt Reime.
Schnell war die Rede von einem zweiten Hoffenheim. Doch den Vergleich wollen beide so nicht stehen lassen. "Wir gehen hier den Kieler Weg, nicht den Hoffenheimer", sagt Reime. Man könne sich zwar andernorts Ideen holen, diese müssten aber auf die örtlichen Gegebenheiten anpassen. "Ralf hat dort ganz andere Möglichkeiten", sagt der neue Holstein-Trainer über den Hoffenheimer Coach Rangnick.
Götz hat in der Zeit seit seinem Amtsantritt viel mit der Ligamannschaft gearbeitet. Er unterbricht seine Trainingseinheiten oft und ruft die Spieler zusammen. Er versucht zu erklären und zu vermitteln, hat ein neues System eingeführt - ein offensiveres. "Das Training ist sehr professionell", sagt Mittelfeldspieler Hauke Brückner, der auch schon unter Holger Stanislawski beim FC St. Pauli trainierte.
Götz soll eine einheitliche Spielkultur von der U12 bis zur Ligamannschaft einführen. Reime erhofft sich Konzeptfußball. Doch bislang hat der ehemalige Trainer von Hertha BSC Berlin und 1860 München nur Gespräche geführt, den Status quo ermittelt. Mit Michael Bauer, dem Leiter des Nachwuchsbereiches, stehe er regelmäßig in Kontakt, außerdem habe es bereits ein Treffen mit den Jugendtrainern gegeben, sagt Götz. Er lässt es ruhig angehen.
In Interviews benutzt Götz das Vokabular eines Managers, spricht von "Controlling", von "Return of Investment" und Kommunikation. Es wirkt ein wenig deplaziert, wenn diese Fachsprache im Hinterzimmer des Vereinsrestaurants zu hören ist. Hier erwartet man eher Worte wie Kampf, Einsatz, Willenskraft. Präsident Reime ist jedoch begeistert davon: "Er hat viel Professionalität in den Verein gebracht." Eine Professionalität, die in anderen Bereichen noch fehle.
Götz, so scheint es, hält sich nicht an der Vergangenheit auf, er will lieber in die Zukunft schauen. Aber wiederum auch nicht zu weit. Zunächst einmal stehe der Aufstieg im Vordergrund, mit anderen Dingen werde er sich erst danach beschäftigen, so der Coach.
Sein Präsident ist derweil optimistisch, dass er Götz auch bei einer Anfrage aus der Bundesliga halten kann: "Ich gehe davon aus, dass er sich hier bei einer erfolgreichen Entwicklung sehr wohl fühlen wird." Zudem habe Götz einen "längerfristigen Vertrag ohne Ausstiegsklausel" und ist der Forderung nachgekommen, in die Gegend um Kiel zu ziehen. Wie es aussieht, plant Holstein Kiel mit Götz und Götz mit Kiel.
Einen prominenten Trainer gab es hier schon einmal: Vom 1. Juli 2004 bis zum 2. Oktober 2006 war Frank Neubarth Cheftrainer. Der ehemalige Stürmer von Werder hatte in Bremen gute Jugendarbeit geleistet und es danach bis auf den Schalker Trainerstuhl geschafft. Aufgestiegen sind die "Störche" damals nicht, Neubarths und Holsteins Wege trennten sich. Mit Götz soll Roland Reimes Traum von der Zweiten Liga nun in Erfüllung gehen.