Kindertricks: Vom Naseweis rausgekickt - DER SPIEGEL
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Kindertricks Vom Naseweis rausgekickt

Beim Fußballspiel mit dem Nachwuchs muss man aufpassen. Die jungen Herrschaften halten zwar nicht viel vom Laufen, dafür sind sie aber sehr einfallsreich in punkto Erfinden von Spielregeln. Logisch, dass unter diesen Umständen der Sieger schon vorher feststeht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neulich samstags waren wir seit langer Zeit mal wieder auf dem Hubertus-Sportplatz. Die Saison war vorbei und Karl fühlte sich offenbar unausgelastet. Er wollte ein Spiel gegen mich spielen, das er in der Schule gelernt hatte. "Wir machen zwei gegen null", sagte er. Dazu bauten wir ein Tor aus Wasserflaschen, kaum einen Meter breit.

Die Regeln waren einfach: Jacken am Rand markierten einen Strafraum vor dem Tor, etwa fünf, sechs Meter breit. Den durften wir nicht betreten. Wir spielten gemeinsam gegen das leere Tor. Torschüsse waren aber nur volley erlaubt. Der Ball war also in der Luft zu halten. Drei Fehlschüsse bedeuteten eine Ecke, drei Ecken einen Elfer zu Gunsten des Tores. Wir führten den Elfer aus, durften aber nicht danebenschießen. Dann hätte es zwei Tore für das Tor gezählt. Ich glaube, ich habe kein Detail des komplexen Regelwerks vergessen.

"Erster alles", brüllte Karl.
Ich stutzte. "Was heißt das?", fragte ich.
Karl verdrehte die Augen. "Das weißt du nicht?"
"Nein, mein Sohn, das weiß ich nicht. Erkläre es mir, bitte."
Karl holte Luft: "'Erster alles' heißt, dass der, der es ruft, jede Aktion als erster ausführen darf: den ersten Elfer, die erste Ecke, den ersten Einwurf, den ersten Torschuss."
Meinetwegen.

Das Spiel gestaltete sich etwas mühsam, da Karl sich vor allem darauf konzentrierte, Situationen herbeizuführen, bei denen er sein "Erster alles" ausspielen konnte. Kam die Volleyvorlage von mir nicht ganz blitzsauber, ließ er den Ball passieren, ohne ihn zu berühren. "Nicht angenommen", gab er dann zu Protokoll, "immer noch Erster alles."

Nach einer Ewigkeit bequemte sich der Herr Sohn endlich zu seinem ersten Schuss knapp verfehlte er das Tor. "Das war kein Torschuss", erklärte er dann, "also immer noch Erster alles." Ich protestierte. "Diese Erster-alles-Regel ist der totale Schwachsinn, wenn immer alles irgendwie das erste Mal ist. Nächstes Mal schießt Du auf der anderen Seite vorbei und sagst wieder, dass es kein Torschuss gewesen sei."

Karl nickte einsichtig. "Okay, der nächste Schuss zählt auf jeden Fall", gestand er großmütig zu. Das war immer noch nicht fair, weil er seinen ersten Torschuss bereits gemacht hatte und sich daher einen zweiten erschlichen hatte. Aber okay, ich wollte kein Spielverderber sein. Tatsächlich, wenig später holte Karl erneut zum Torschuss aus. Und er traf sogar. Ich war erleichtert. Endlich durfte ich auch mal auf das Tor schießen. Doch ich hatte die Rechnung ohne meinen Sohn gemacht.

"Zweiter alles", krähte er aufgekratzt.
"Was soll das denn nun wieder?", fragte ich.
"Das heißt, dass ich von jeder Aktion die zweite machen darf."
Ich begann wütend zu werden. "Aber ich bin an der Reihe, verdammt noch mal."
"Aber nicht, wenn Du nicht 'Zweiter alles' sagst", erklärte Karl.
"Die Regel kannte ich nicht", entgegnete ich.
"Dafür erkläre ich sie dir ja jetzt", sagte Karl.
"Und was soll ich jetzt machen?", fragte ich böse und hilflos.
"Du kannst noch 'Dritter alles' sagen", meinte Karl großzügig, "das ist noch frei."