Klinsmann-Assistent Vasquez: Eroberer aus der neuen Welt - DER SPIEGEL
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Klinsmann-Assistent Vasquez Eroberer aus der neuen Welt

Der neue Bayern-Coach kommt aus Kalifornien, dessen Assistent ist Mexikaner. Mit Martin Vasquez erhofft sich Jürgen Klinsmann Unterstützung bei der Umgestaltung des Clubs. Die Richtung ist klar: Lateinamerikanische Fußballkunst und US-Trainingslehre sollen verschmelzen.
Von Olaf Sundermeyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anhänger des FC Bayern München werden sich noch gut an das öffentliche Transfergezerre um das argentinische Supertalent Sergio Lionel Agüero erinnern. Der hatte sich vor zwei Jahren gegen eine Offerte des deutschen Rekordmeisters entschieden - und kickt inzwischen für Atletico Madrid. Dort dominiert der heute 19-Jährige das Mittelfeld. Wesentlich für seine Absage war damals nicht nur die Transfersumme. Auch die kulturelle Nähe zu Madrid spielte eine Rolle, wo mit dem Mexikaner Javier Aguierre ein Latino als Trainer arbeitet.

Ähnliches bieten die Bayern künftig auch: Mit Martin Vasquez wird in der Bundesliga erstmals ein Trainer lateinamerikanischer Herkunft eine prominente Stelle besetzen. Als Assistent des künftigen Bayern-Trainers Jürgen Klinsmann wird der Mexikaner im Juli in München die Arbeit aufnehmen. Vorher werden sich die beiden intensiv austauschen - Vasquez lebt in West Covina im Bezirk Los Angeles, in Reichweite seines künftigen Vorgesetzten.

Klinsmann beeilte sich, mitzuteilen, dass Vasquez bereits Deutsch lerne. Schließlich kennt der Kosmopolit Klinsmann die Skepsis der Bundesliga. Und ein Co-Trainer, der des Deutschen nicht mächtig ist, dürfte bei den Traditionalisten von "Bild"-Zeitung bis Beckenbauer ungefähr so ankommen, wie seinerzeit ein Bundestrainer, der in Kalifornien lebt.

Gleichzeitig weiß Klinsmann selbst um die Bedeutung von Fremdsprachen und kultureller Kompetenz in der globalen Fußballwelt. Nun also überträgt er sein eigenes internationales Format auf den FC Bayern, wo man seit einiger Zeit immer mehr über nationale Grenzen hinaus blickt. Die Clubs, an denen sich die Bayern künftig noch stärker orientieren müssen, heißen FC Barcelona, Real Madrid oder FC Arsenal, nicht Schalke 04 oder Werder Bremen.

Denn die Bundesliga hinkt international hinterher: sportlich und in ihrer Vermarktung. Es ist also die Klasse der Mourinhos, Wengers, Rijkaards und Schusters, die Klinsmann mit der Entscheidung für Vasquez beweist. In Mexiko, wo mehr Spiele der niederländischen Ehrendivision übertragen werden als Bundesligaspiele, hat der FC Bayern auf diese Weise bereits für einen Tag die Sport-Schlagzeilen bestimmt.

Langfristig komplettiert Vasquez mit seinem lateinamerikanischen Hintergrund Klinsmanns Erfahrungsschatz. Der nährt sich bereits aus Italien, Frankreich, England, den USA und aus Deutschland. So ist jetzt schon klar, dass Vasquez den manchmal isolierten Südamerikanern beim FC Bayern, Ze Roberto, Lucio, Demichelis und vor allem dem enttäuschenden Paraguayer Julio dos Santos Auftrieb geben soll.

Für ihn dürfte Vasquez die letzte Hoffnung bei den Bayern sein. Vielleicht hätte einer wie Vasquez gar den wankelmütigen Peruaner Claudio Pizarro auf ein konstantes Niveau in München gebracht. Bislang allerdings schweigt sich Klinsmanns Co über seine künftige Arbeit in München aus; Interviews will er nicht geben. "Aus Respekt vor Ottmar Hitzfeld", dem noch amtierenden Trainer der Bayern, der im Sommer Klinsmann weichen wird.

Es scheint jedoch eher so, als stünde Vasquez bereits unter einer Art Klinsmann-Quarantäne: Der bevorzugt auch in Sachen FC Bayern-Projekt die Arbeitsebene, nicht den Boulevard. Dem ist Vasquez gänzlich unbekannt. Wer ein Gefühl dafür bekommen will, welche Fußball-Philosophie den Klinsmann-Vertrauten bewegt, hat am 6. Februar eine gute Gelegenheit dazu: Dann nämlich treffen die Nationalmannschaften der USA und Mexikos aufeinander, bei einem Freundschaftsspiel in Houston.

Vom "Grenzderby" ist da die Rede, das für Vasquez eine besondere Bedeutung besitzt. Ist er doch auf beiden Teilen des amerikanischen Kontinents zuhause: Sozusagen als Grenzgänger hat der heute 44-Jährige in beiden Mannschaften gestanden. Seit zwölf Jahren besitzt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft: Zuvor hatte er zehn Mal für die mexikanische "Tricolor" gespielt. Und so verbinden sich in seiner Person die Modernität US-amerikanischer Trainingsmethoden, auf die Klinsmann bereits bei der Betreuung der deutschen Nationalmannschaft gesetzt hat, sowie dessen lateinamerikanische Mentalität.

Mit Vasquez und Klinsmann zum Konzeptfußball

Als Spieler der Primera División de Mexico tingelte er acht Jahre lang von Club zu Club. Vasquez ist hier kein großer Name, weder in Mexiko, noch in den USA, wo er für drei Spielzeiten in der Major League Soccer (MLS) gespielt hat, bei den San Jose Earthquakes in Kalifornien, und in Florida bei Tampa Bay. In seiner aktiven Zeit galt er als umsichtiger defensiver Mittelfeldspieler. Seit drei Jahren arbeitet er nun als Co-Trainer bei dem MLS-Club "Deportivo Chivas".

Dessen schwerreichem Eigentümer Jorge Vergara gehört zusätzlich ein Club in Costa Rica, Deportivo Saprissa, vor allem aber der populärste Club Mexikos, die Chivas de Guadalajara. Bei den "Deportivo Chivas" heißt es, Vasquez habe eine A-Trainerlizenz des US-amerikanischen Fußballverbandes, und dass er als Bewunderer der berühmten Jugendausbildung von Ajax Amsterdam gilt.

Das erinnert ein bisschen an den großen FC Barcelona, wo die niederländische Jugendschule seine Weiterentwicklung findet: Längst schon betreibt Barça eigene Schulen in Lateinamerika. Auch der argentinische Weltstar Lionel Messi kommt aus einem vereinseigenen Internat, ebenso wie das mexikanische Talent Giovanni dos Santos. Beide haben jeweils mit verschiedenen Jugendnationalmannschaften ihrer Länder Weltmeistertitel gewonnen. Messi übrigens unter José Pekerman, der zunächst die argentinische U20 trainiert und später die A-Nationalmannschaft zur WM 2006 nach Deutschland geführt hat.

Heute trainiert Pekermann die mexikanische Spitzenmannschaft Deportivo Toluca. Pekerman gilt als Trainervorbild von Jürgen Klinsmann, weil der in Argentinien über Jahre ein einheitliches Spielsystem entwickelt hat: Von den Jugendmannschaften bis zu den ganz Großen. Bei der Umsetzung solcher Konzepte soll ihm nun Vasquez helfen, der als Trainer bereits verschiedene Jugend- und Universitätsteams betreut hat, sogar eine Damenmannschaft aus San Diego.

Vasquez und Klinsmann werden versuchen, eine eigene Bayern-Generation zu formen. Dabei werden Namen aus Südamerika sicherlich eine große Rolle spielen. Vielleicht trägt der nächste Messi dann eine Lederhose und kann unfallfrei "Oktoberfest" aussprechen. Eines der drei Kinder von Martin Vasquez heißt übrigens Erika - der Anfang in Sachen transatlantischer Verständigung ist also schon gemacht.

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