Klinsmann-Diskussion: Bundestrainer als Blitzableiter - DER SPIEGEL
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Klinsmann-Diskussion Bundestrainer als Blitzableiter

Jürgen Klinsmann muss derzeit einige Stürme über sich ergehen lassen. Selbst Größen wie Franz Beckenbauer poltern gegen ihn. Über die schwachen Leistungen der Nationalspieler dagegen redet kaum jemand. Ein geschickter Schachzug des Bundestrainers.
Von Pavo Prskalo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der nationale Fußball-Notstand ist ausgerufen. Nach dem 1:4  gegen Italien vergeht kein Tag, an dem Jürgen Klinsmann nicht kritisiert wird. Politiker forderten eine Art Untersuchungsausschuss für Testspielniederlagen. Franz Beckenbauer unterstellte dem Bundestrainer gar eine schlechte Kinderstube, weil der 40-Jährige nicht zum WM-Workshop nach Düsseldorf gekommen war. Und was macht der Kritisierte? Er reagiert entweder gar nicht oder mit süffisanter Diplomatie, und erreicht dadurch das, was er will: Ablenkung.

Denn Klinsmann weiß, dass nicht er am 9. Juni gegen Costa Rica in München auf dem Platz stehen wird. Profis wie Per Mertesacker, Robert Huth, Philipp Lahm oder Sebastian Deisler dagegen schon. Auch Lukas Podolski. Alles junge Spieler, die leicht zu verunsichern sind, deren Leistung durch harsche Kritik der Medien nicht besser würde. Darum lenkt er die Vorwürfe auf seine Person - und kehrt Deutschland mit einem Koffer voll Kritik gen Kalifornien den Rücken.  

Klinsmann lässt sich nicht beirren. Er geht seinen Weg Richtung WM-Finale. Dass er nicht zum WM-Workshop erschienen ist, war sicherlich unglücklich. Noch unglücklicher ist, dass Franz Beckenbauer erneut eine Debatte entzündete, die vollkommen überflüssig ist. Klinsmann solle doch gefälligst vor Ort den Scherbenhaufen nach der 1:4-Pleite gegen Italien aufkehren und nicht im fernen Kalifornien weilen. "Ich kann Franz verstehen, das ist ja sein Baby", entgegnete Klinsmann. Verwies aber zugleich darauf, dass er derzeit wichtigeres zu tun habe: WM-Gegner beobachten, damit sich ein Debakel wie gegen Italien nicht wiederholt.

Die großen Defizite waren zuletzt in Florenz im Test gegen Italien unverkennbar. Die Abwehr löchrig, Stürmer wie Miroslav Klose waren nicht zu sehen, Michael Ballack spielte unterirdisch. Doch kaum einer kritisierte die Mannschaft. Alle dagegen schossen gegen Klinsmann. Im ARD-Fernsehstudio scherzte er kurzzeitig mit Moderatorin Monica Lierhaus. "Wir vertrauen dieser Mannschaft", sagte er und musste dabei selbst lachen. "Wir sind weiterhin überzeugt von unseren Spielern und unserer Philosophie". Es klang wie ein Witz. Tags drauf setzt er sich provokant in den Flieger und düst in die USA.

Die Medien haben einen Sündenbock, die Spieler der Nationalelf ihre Ruhe. Damit dies auch erstmal so bleibt, legte der Bundestrainer heute nochmal nach: "Mich stört nicht die Kritik am Spiel, an der Spielweise und am Auftreten. Aber mich stören Leute, die sich profilieren wollen an einem schwachen Auftritt unserer Nationalmannschaft. Es gibt jedoch heutzutage viele Wichtigtuer, die lange gewartet haben und jetzt ihre Plattform finden."

Eigentlich macht es Klinsmann genau wie José Mourinho vom FC Chelsea. Er stellt sich vor sein Team, wie ein Schutzschild. Durch gezielte Provaktionen lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich. Öffentlich einen ihrer Spieler zu kritisieren, das würde keiner der beiden. Dies geschieht vor der Mannschaft oder im Einzelgespräch.

Allerdings hat Klinsmann einen gehörigen Nachteil im Vergleich zu seinem portugiesischen Kollegen: Er hat keinen Roman Abramowitsch, der ihm seine Wunschspieler liefert. Klinsmann muss mit den besten deutschen Spielern leben. Und wenn einer von diesen in der Mannschaft für Unruhe sorgt, dann wird er eben aussortiert, wie im Fall Christian Wörns. "Die Tür ist zu, und sie bleibt es auch", sagt Klinsmann.

Wörns kann ersetzt werden. Das deutsche Grundproblem ist die Abhängigkeit von Michael Ballack. Niemand außer dem DFB-Kapitän ist in der Lage, das Spiel kontrolliert aufzubauen. Niemand ist so torgefährlich. Eigentlich bräuchte es zwei Ballacks. Einen vor der Abwehr und einen hinter den Spitzen. Die hat Klinsmann aber nicht. Und er wird sie in den nächsten drei Monaten auch nicht bekommen.

Deshalb wird sich der Bundestrainer bis zur WM-Eröffnung auf wichtigere Dinge als Workshops konzentrieren, nämlich die Defizite der deutschen Spieler zu beheben. Dass dies bis zur WM nicht ganz gelingen wird, wissen alle - auch Klinsmann. Er wusste dies allerdings im Gegensatz zu vielen schon bei Amtsantritt.

Den ganzen Laden wolle er aufräumen, mit der Mannschaft offensiv spielen, hatte Klinsmann damals bei Amtsantritt gesagt. Dass Klinsmann das Ganze aus den USA managen wolle, akzeptierte der DFB, an vorderster Front der Geschäftsführende Präsident Theo Zwanziger. "Die Menschen sollen spüren, dass wir uns bewegen", sagte Zwanziger. "Jürgen kann einiges bewegen, was vorher nicht möglich war", sagte Franz Beckenbauer. Dass Klinsmann seine Spieler per E-Mail beruft, störte da noch niemanden.

Beim DFB jedenfalls ist von der anfänglichen Begeisterung wenig geblieben. Spätestens seit der Verpflichtung von Matthias Sammer als Sportdirektor und der Ablehnung von Klinsmanns Wunschkandidat Bernhard Peters ist absehbar, dass der Weltmeister von 1990 wohl nach der WM aufhören wird. Bis dahin wird Klinsmann von den DFB-Bossen geduldet.

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