Klinsmann im Literaturhaus: Rotation mit Kaffeelöffel - DER SPIEGEL
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Klinsmann im Literaturhaus Rotation mit Kaffeelöffel

Am Samstag spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft in der Türkei - und im Literaturhauscafé zu Hamburg sollte die sportliche Leitung Rede und Antwort stehen. Im Mittelpunkt des Interesses: Der Auftritt von Bundestrainer und Fußballphilosoph Jürgen Klinsmann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kleine Alstersalon ist ein schöner Raum. Er liegt im ersten Stock des Hamburger Literaturhauscafés, einer kulturellen Institution im Stadtteil Uhlenhorst. Der Parkettboden ist hellbraun, von der Stuckdecke hängt ein Kronleuchter, vor dem Balkon verläuft die Außenalster. Es ist ein Ort der Kunst, normalerweise finden hier Lesungen statt. Dann sitzen 20 Personen an quadratischen Tischen, mehr passen nicht rein. Demnächst kommt Uwe Friesel und liest aus "Blut für Eisen". An diesem Tag ist Jürgen Klinsmann da, und der Kleine Alstersalon ist viel zu klein.

Mehr als 30 Journalisten und Fotografen drängeln sich um den Bundestrainer, auf den Tischen stehen Säfte und Kekse. Klinsmann trägt einen blauen Trainingsanzug mit weißen Streifen, er lächelt und tut überrascht ob des großen Andrangs. In den Nebenräumen "Großer Alstersalon" und "Rosensalon" haben sein Assistent Joachim Löw, Torwarttrainer Andreas Köpke, Manager Oliver Bierhoff und die Fitnesstrainer des DFB-Teams Platz genommen. Bei Köpke sitzen sechs Journalisten. "Habt ihr noch einen Kaffee für mich", fragt Klinsmann. Die Runde lacht.

Rotation als Prinzip

Der DFB hat zum Medientag geladen, das zweite Mal seit September 2004. In ungezwungener Atmosphäre können Medienvertreter und die sportliche Leitung seither halbjährlich miteinander plaudern, an einem weiteren Tag steht die komplette Mannschaft zur Verfügung. Es ist ein Experiment, wie die Torhüterrotation bis kurz vor der WM; einen der beiden Rivalen Oliver Kahn und Jens Lehmann wird der Brummkreisel im Juni in die Stammelf gedreht haben, den anderen aufs heimische Sofa. Auch beim Medientag wurde die Rotation zum Prinzip erhoben, jeder darf mal mit jedem reden.

"Oliver Kahn schaut sehr gut aus", sagt Klinsmann. Er hat seine Arme verschränkt und lächelt ein bisschen. Beim Nationaltorhüter mit den Knieproblemen sei alles im grünen Bereich. Wie auch bei Stürmer Miroslaw Klose, "der hat heute eine Blutuntersuchung gemacht. Ich hoffe, er kann in der Türkei dabei sein." Der Einzige, bei dem derzeit nicht alles im grünen Bereich liegt, ist Kapitän Michael Ballack. Der grippekranke Mittelfeldstar, "die Nummer eins unserer Hierarchie", solle erstmal sehen, dass er gesund wird. "Wir nehmen jetzt mal das Tempo von ihm auf", sagt Klinsmann.

"Kein Problem"

Die Sonne scheint nun stärker durch die geöffnete Balkontür, und die Stimmung des Bundestrainers ist entsprechend. Er sei mit der Entwicklung aller Nationalspieler durch die Bank zufrieden, spricht der 41-Jährige in den Berg von Diktiergeräten, der sich vor ihm auftürmt. Per Mertesacker zum Beispiel sei innerhalb von nur 14 Monaten zu einer "stabilen Säule" in der Abwehr geworden. "Wir sind auch mit der Entwicklung eines Marcell Jansen außerordentlich zufrieden", sagt Klinsmann. Ach ja, Patrick Owomoyela habe sich auch sehr gut gemacht.

Das Gespräch ist auf eine halbe Stunde angesetzt, und fast hat man den Eindruck, der schwäbische Amerikaner könnte mühelos die vielfache Zeit reden, ohne etwas zu sagen. Im Literaturhauscafé zu Hamburg zeigt der Fußballphilosoph Klinsmann auch, dass er die Kunst der Verbal-Diplomatie perfektioniert hat. Mit dem aufsässigen Verteidiger Christian Wörns, der sich über seine Nichtnominierung öffentlich echauffiert hatte, werde er in der kommenden Woche "mal einen Kaffee trinken gehen". Und außerdem sei die Kritik doch kein Problem, sondern vielmehr nachvollziehbar.

Doch dann, mitten hinein in die Blitze der Kameras, spricht der Blonde mit der blauen Jacke plötzlich noch ein paar Sätze, die anders sind, ungewohnt deutlich. Und eine Kapitulation vor der Realität. "Natürlich wäre es der Idealfall, wenn alle Spieler des WM-Kaders Stammplätze in ihren Vereinen hätten", sagt Klinsmann, "wir wissen aber sehr genau, dass dies nicht bei allen Spielern der Fall sein kann." Top-Vereinsmannschaften würden sich zwei Teams leisten, das müsste man einplanen. Und dann: "Es ist möglich, dass ein Spieler zur WM fährt, der im Verein nicht zum Zuge kommt."

Löw wird deutlich

Ob Klinsmann mit der Top-Vereinsmannschaft den FC Chelsea und meinte und die Goldene Brücke für Robert Huth baute, bleibt unausgesprochen. Die halbe Stunde ist um, die Fernsehjournalisten dürfen jetzt mit Klinsmann reden, der Rest rotiert in andere Räume. Und dort wird der Assistent des Bundestrainers später doch noch für Aufklärung sorgen. "Das mit Robert Huth ist sicher ein Problem", sagt Joachim Löw, "er hat jetzt über Monate nicht gespielt." Der Abwehrhüne habe zwar ein enormes Potential, aber es reiche eben nicht, "nur mit Weltklasseleuten zu trainieren. Auf Dauer ist es wichtig, regelmäßig zu spielen."

So deutlich war Klinsmann dann doch nicht geworden.