Klinsmann-Rauswurf Das Scheitern der Bayern-Bosse
Hamburg - Kann man eine Chance nutzen, die man nicht hat?
Um 11.29 Uhr an diesem Montag war Jürgen Klinsmann in München endgültig gescheitert. In einer dünnen Pressemitteilung verkündete der FC Bayern die Trennung vom Trainer. Einem Coach, der nach nur zehn Monaten eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit hinterlässt. Der in der Champions League nach einem Debakel gegen Barcelona ausgeschieden ist, sich im Pokal verabschiedete und in der Bundesliga auf Platz drei steht.
Ein Mann ohne Ergebnisse, ohne Titel, ohne Lobby, am Ende isoliert in der Vereinsführung. Der mit müden Augen bis zum Schluss wie ein Kämpfer aussehen wollte.
Vor zehn Monaten verteilte der Club sein "Bayern-Magazin" an die Fans in der Allianz-Arena, zu Gast war der Hamburger SV zum ersten Bundesliga-Spiel der Saison. Es war ein Freitagabend, und das "Bayern-Magazin" zeigte Klinsmann auf der ersten Seite. Der Mann schaute in die Ferne und schien etwas zu suchen. "Der Visionär" stand über ihm.
Was für ein Kontrast.
In den zehn Monaten dazwischen ist aber nicht nur Jürgen Klinsmann gescheitert, der den Bayern Tempo-Fußball beibringen, den Club auf internationales Top-Niveau heben und jeden Spieler besser machen wollte. Gescheitert ist auch - und vor allem - der FC Bayern München selbst.
Nahezu grotesk wirkt es heute, dass sich am Anfang niemand dem vermeintlichen Zauber dieser Verbindung widersetzen konnte. Ein erfolgreicher Ex-Bundestrainer, jung, mit großen Plänen, voller Ehrgeiz und Identifikation mit der neuen Aufgabe; ein Club mit großem Namen, glorreich einst und seit fast einem Jahrzehnt nur noch national erfolgreich. Der nachhaltig zurück wollte nach ganz oben, ins Finale der Champions League. Der dem neuen Trainer die Wünsche von den Lippen ablas.
Der sich verändern lassen wollte.
Wollte er?
Heute muss man davon ausgehen, dass die Clubführung nie wirklich daran geglaubt hat, dass der Klinsmann-Weg der richtige sei. Im Rückblick wirken die Bayern-Bosse Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge wie eine Gruppe Kraftmeier, die wie beim Tauziehen den an einem Seil festgebundenen Klinsmann immer weiter in Richtung der ausgetretenen, gewohnten Pfade zog.
Der Klinsmann, von dem sich Bayern München jetzt trennt, ist nicht mehr der Klinsmann, den der Club im vergangenen Sommer verpflichtete. Der ehrgeizige Mann mit den großen Plänen war am Ende nur noch eine Marionette der Bayern-Führung.
Was ist aus Klinsmanns Plan geworden, dass seine Mannschaft zwei taktische Systeme beherrschen müsse? Nach den ersten zaghaften Versuchen mit der Dreierkette stellte Klinsmann auf Druck von oben wieder auf die bewährte Formation mit vier Verteidigern um. Genauso wie den offensiven Grundansatz, der spätestens seit den Niederlagen zu Saisonbeginn gegen Bremen und Hannover der Vergangenheit angehörte. Die Buddhas am Trainingszentrum? Abgebaut. Dazu ständig wechselnde Verlautbarungen der Bayern-Führung in den Münchner Boulevardmedien, auch das wollte der aus Kalifornien übergesiedelte Klinsmann eigentlich verhindern. Schon nach zwei Saisonwochen fühlte sich Rummenigge bemüßigt, dem Trainer eine Art Jobgarantie auszustellen und wiederholte das in zehn Monaten immer wieder.
Vertrauen fühlt sich anders an.
Aber all das könnte man noch entschuldigen mit der "Verantwortung dem Club gegenüber", die auch in der Trennungsmitteilung wieder bemüht wurde. Unverzeihlich ist etwas anderes: dass die Münchner Klinsmann wider besseres Wissen verpflichteten.
Natürlich hat der Mann auch jede Menge Fehler gemacht. Er holte mit Martin Vasquez einen Assistenten, dessen Qualifikation für die Arbeit in München der Assistenzjob in der US-amerikanischen Major League Soccer war - und dessen Beitrag zum Ganzen bis zuletzt unklar blieb. Dass Klinsmann vor heimischen Publikum zudem nur mit einer Spitze spielen, Marcell Jansen nach Hamburg ziehen ließ oder an Christian Lell festhielt, auch das muss man ihm vorhalten. Er verpflichtete den US-Amerikaner Landon Donovan, obwohl dieser nur wenige Wochen Zeit hatte, vor den Augen der skeptischen Hoeneß und Co. zu bestehen.
Doch die Fehler der Bayern-Führung wiegen schwerer. Diese hätte wissen müssen, dass sie einen Coach ohne Erfahrung als Clubtrainer verpflichtet. Einen Mann, dem man schon zu DFB-Zeiten nachsagte, Fußball-elementare Dinge wie Taktik und Trainingsgestaltung an seinen Assistenten Joachim Löw zu delegieren. Einen Klinsmann, der für seine Reformen auch Rückhalt bei den Fans benötigte, diese aber nach seiner Zeit als Spieler beim Rekordmeister nie hatte. Stattdessen wurde am Schluss wie als bittere Pointe die Nachricht von der Trennung als erstes an die "Bild"-Zeitung durchgestochen. Das Blatt, das seit der WM immer noch eine Rechnung mit dem "Grinsi-Klinsi" offen hatte.
"Es kann ein bis zwei Jahre dauern, bis der FC Bayern meine Philosophie umsetzt", hat Jürgen Klinsmann vor zehn Monaten gesagt. Es klang wie eine öffentlich formulierte Bitte an die Bayern-Führung, ihm diese Zeit zu geben. Doch sie wurde nicht erhört. "Selbst wenn wir als Verantwortliche die Geduld aufbringen würden - die Öffentlichkeit sähe das wohl anders", erwiderte Karl-Heinz Rummenigge. Nicht mal ein Jahr später ist klar, dass für Geduld kein Platz in München ist.