Kommentar Am eigenen Ego erstickt
Als Manchester United im vergangenen Jahr die Meisterschaft gewann, waren die meisten englischen Fußballfans nicht wirklich begeistert, aber sie trösteten sich mit drei Buchstaben: ABC - anything but Chelsea.
Dem Team in Blau zwei Meisterschaften, einen FA Cup und einen Carling Cup beschert zu haben, ist eine der Errungenschaften von José Mourinho. Die andere ist es, die launische Diva des englischen Fußballs, jenes Relikt der Swinging Sixties, in dem später Freigeister wie Gianluca Vialli, Ruud Gullit oder Gianfranco Zola zauberten, zum unbeliebtesten Club der Insel gemacht zu haben.
Natürlich ist dies das Los aller Erfolgreichen, aber nicht nur. Denn Manchester teilt den Supermachtsanspruch von Chelsea, aber sie spielen einen Fußball, der anders ist: offensiv, risikoreich, voller Flair. Chelsea geht dagegen immer auf Nummer sicher: zwei verschiebbare Abwehrreihen, vorne ein Stürmer, der wie ein Rammbock zuschlagen soll. Es gibt nun Leute, die sagen, das sei modern. Aber es ist eben auch ziemlich öde - ungefähr so aufregend wie Schiffe versenken.
Roman Abramowitsch hat sich das lange angesehen. Von Anfang an hatte er andere Vorstellungen gehabt, aber schon beim ersten Treffen auf seiner Yacht machte ihm Mourinho klar, dass er seine Ideen vergessen könne. "Willst Du Ronaldinho, Beckham oder Henry?", fragte der Russe. Mourinho schüttelte den Kopf. Er brauche keine Stars, sagte er. Abramowitsch habe bereits einen, der größer sei, als alle anderen: ihn, José Mourinho. Konsequenterweise stellte sich der Portugiese bei seiner ersten Pressekonferenz in London als "Special One" vor.
Der Auserkorene war nicht billig. 35 Millionen Euro Abfindung will er laut BBC-Berichten nun einstreichen, 9,2 Millionen Euro Jahresgehaltbekam er bislang, dazu über 500 Millionen Pfund für neue Spieler: Heraus kam aber ein Fußball, der außer den härtesten Fans und zu kurz gekommenen Kindern, denen es nur ums Ergebnis geht, wenig Freunde fand. Auch Abramowitsch, der sich jedes Spiel ansieht und manchmal dafür 16 Stunden in seinem Privatflugzeug anreist, verlor zusehends den Spaß. Wenn er schon soviel Geld und Zeit für sein Hobby aufwende, so der Milliardär, wolle er wenigstens gut unterhalten werden. Fußball als Entertainment. Bei Mourinho, dem späten Produkt der portugiesischen Militärdiktatur, war er damit an der falschen Adresse. Mit dauerhaftem Rotieren sorgte der südländische Kontrollfreak dafür, dass die Egos seiner Spieler so sauber getrimmt waren wie der Rasen an der Stamford Bridge.
Als sich Abramowitsch im vergangenen Sommer mit der 30-Millionen-Pfund-Verpflichtung von Schewtschenko und dem Engagement von Michael Ballack doch zwei Superstars leistete, drehte José, the special one, fast durch. Ergebnis: Schewtschenko wirkt, als sei er in zwölf Monaten um zehn Jahre gealtert und stolpert wie ein alter Mann über den Rasen. Ballack ist nach einem üblen Disput in der vergangenen Saison - als Mourinho von ihm verlangte, verletzt zu spielen und Ballack zum FC-Bayern-Arzt Wilhelm Müller-Wohlfahrt flüchtete - nicht einmal mehr im Champions-League-Aufgebot für die Vorrunde zu finden.
"No way, José"
Abramowitsch und Geschäftsführer Peter Kenyon, die vorhaben, Chelsea bis zum Jahr 2010 zur unumschränkten Weltmarke aufzubauen, sahen solche Entwicklungen mit Entsetzen. Aber José, der Zuchtmeister, blieb hart. Er wollte der Boss sein in einem Club, der einen Boss hatte, der mächtiger war als er und dazu Vorstellungen hatte von einem grundsätzlich anderen Fußball.
Am Ende konnte sich Mourinho ohnehin nur in diese Saison retten, weil es keine echte Alternative zu ihm gab (Guus Hiddink und Jürgen Klinsmann hatten abgewinkt) und weil er das von ihm zurechtgeschliffene Kollektiv, allen voran Kapitän John Terry, hinter sich wusste.
Aber nach dem lahmen Saisonstart verkrachte er sich auch mit Terry - und Mourinho brach seine letzte große Stütze weg. Mit diesen Realitäten konfrontiert, sah der Großstratege des internationalen Fußball glasklar: Die einzige Chance, die ihm noch blieb, war freiwillig zu gehen.
Das wenigstens muss man dem Psycho-Schleifer zugute halten. Er klebte nicht wie andere Fußball-Trainer solange auf der Bank, bis er nach endlosen Niederlagen und anderen Erniedrigungen rausgeschmissen wurde. Das Ende bestimmte er. Bevor ihm jemand zuvorkommen konnte, sagte er sich: "No way, José!"