Kommentar: Ein melancholischer Meister - DER SPIEGEL
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Kommentar Ein melancholischer Meister

Gewiss, sie haben das Double verteidigt, das gab es in Deutschland noch nie. Doch die Freude der Bayern über ihren 20. Meistertitel hält sich in Grenzen. Die Münchener spüren, dass der FC Bayern des Jahres 2006 vom Glanz früherer Tage weit entfernt ist.
Von Steffen Gerth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein großer Fußballspieler zeichnet sich auch dadurch aus, dass er im richtigen Moment die passenden Worte findet. Als Mehmet Scholl inmitten seiner vor Freude hyperventilierenden Kollegen sich zur Sache äußern sollte, da reduzierte er sich nicht auf das übliche "wir-sind-alle-glücklich-dass-jetzt-der-Druck-von-uns-gefallen-ist"-Einerlei. Scholl fand ein paar bemerkenswerte Worte über die sinkende Qualität der Bundesliga, mahnte den Verein, jetzt nicht wieder fünf oder mehr Spieler auszutauschen – und dass das Team im internationalen Bereich nicht mehr mithalten konnte.

Huch? Redet da ein Spieler seinen eigenen Erfolg schlecht? Nein. Scholl ist ein kluger Mann und weiß, was von diesem zwanzigsten Titel der Bayern zu halten ist. Die Mannschaft ist ein Farbtupfer im grauen deutschen Mittelmaß. Sie dominieren die Liga, weil die anderen Teams letztlich keine wirkliche Gefahr darstellen. Der Meisterschaftszweikampf mit dem Hamburger SV wurde vor allem in der Hansestadt mehr herbeigebetet, als dass er real existent war. Die Bayern haben einen fulminanten Saisonstart hingelegt, mussten dabei nie glänzen, haben dann den Vorsprung verwaltet – und von ihm gezehrt, als die schlechten Spiele nicht einmal mehr mit Siegen versüßt wurden.

So sieht es aus im deutschen Fußball, wenigstens strukturell unterscheidet er sich aber nicht mehr vor den anderen großen Ligen Europas. Fast überall gibt es einen Souverän, dahinter pickt der Rest um die Körner: In Frankreich ist das Lyon, in England Chelsea, in Spanien Barcelona, in Italien ist Juventus Turin der nationalen Konkurrenz meilenweit voraus. Erstaunlicherweise ist es dann nur noch Barcelona, das wiederum in der Champions Leauge auftrumpt.

Uli Hoeneß kennt diese Realitäten. Als der Bayern-Manager bekannt gab, dass sein Verein "die internationalen Erwartungen zurückschrauben muss", da wurde vielen wohl erst bewusst, wie traurig diese Meisterschaft für die Münchner eigentlich ist. Man freut sich über die nationale Vormachtsstellung, ja, ganz nett, muss aber eingestehen, dass man auf europäischer Sicht nur noch an den Katzentischen Platz nehmen darf.

Hoeneß verwies wieder einmal auf den finanziellen Irrsinn, den die anderen Vereine begehen würden, und den die Bayern nicht teilen würden. Das macht er regelmäßig, weil dieses Argument ihm einen moralischen Vorteil verschaffen soll. Damit versucht er, seinen Verein in eine Underdog-Rolle zu schieben – was man freilich auch wieder nicht so ernst nehmen sollte.

Denn auf nationaler Sicht, gemessen an ihren Möglichkeiten, verhalten sich die Bayern nicht anders, als die großen europäischen Clubs auf den internationalen Spielwiesen. Man kauft das Beste, was man bekommen kann. Und das sind in der Bundesliga Lincoln, vielleicht van Buyten oder Borowski - und Podolski, dessen Verpflichtung Hoeneß am Wochenende bekanntgab. Damit lässt sich weiter gegen Bielefeld, Frankfurt – und ab und zu auch gegen Schalke gewinnen. Und in den ersten Runden der Champions League gegen Celtic Glasgow, CA Osasuna vielleicht auch mal gegen Inter Mailand. Aber danach wirds eng. Daher sagt Hoeneß das einzig Richtige: "Wir können nicht sagen, dass wir die Champions League gewinnen werden. Wir müssen kleine Brötchen backen."

Kleine Brötchen am Tag des Titelgewinns? Soweit ist es mit dem deutschen Fußball gekommen. Streng genommen ist er zu einer europäischen Regionalmeisterschaft verkommen: Biederes Ballspiel, immer dieselben Trainer, die innerhalb einer Saison durch die Clubs tingeln, kaum international maßgebliche Spieler. Kein Wunder, dass hier ein FC Bayern alles überragt. Richtig wohl scheinen sie sich mit ihrer Alleinstellung aber auch nicht mehr zu fühlen. Dass es aber in absehbarer Zeit zu mehr nicht reichen wird, haben sie auch gemerkt. Ein melancholischer Meister.

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