Kommentar Gelassen bleiben, Deutschland
Eine Doppelrolle als Bundes- und Vereinstrainer, wie Daum sie sich offenbar vorstellen konnte, kam von Seiten der zur Zeit verbliebenen operativen Einheiten des Deutschen Fußball-Bundes (Mayer-Vorfelder und Beckenbauer) nicht in Frage.
Nachdem der DFB glaubte, mit dem EM-Aus von Rotterdam in die tiefste Krise seit 1938 (letztmaliges Ausscheiden in der Vorrunde bei einem großen Turnier) geraten zu sein, scheint es noch ein bisschen tiefer zu gehen. Bis auf den Italiener Trapattoni haben alle bis dato ins Spiel gebrachten Ribbeck-Nachfolger dem größten Einzelsportverband der Welt eine Absage erteilt.
Franz Beckenbauer, bis Donnerstag noch Daum-Verfechter und immer ein Mann, der das Leben mindestens so leicht zu nehmen weiß wie die inhaltliche Halbwertszeit seiner Aussagen, buhlt jetzt auf die nette Tour: "So schwer ist es nicht, Bundestrainer zu sein." Und nennt auch gleich die Namen seiner zweiten Wahl: Jürgen Röber oder Volker Finke.
Was aber, wenn Hertha BSC Berlin oder der SC Freiburg sagen, "Herr Röber/Finke hat einen Vertrag bei uns bis..."?
Vorstellen wird Beckenbauer sich das vermutlich nicht können, obschon er in seiner Eigenschaft als Präsident von Bayern München dem deutschen Fußball, dessen Vizepräsident er immerhin ist, den weithin respektierten Ottmar Hitzfeld als Bundestrainer auch nicht zur Verfügung stellt. Die Präferenzen werden deutlich.
Zuerst kommt der Verein, dann der Verein und dann der Verein.
Die gegen Null tendierende Wertigkeit des Verbandes, die sowohl im Handeln des DFB-Präsidiums als auch den in den letzten zwei Jahren gezeigten Leistungen des "Aushängeschildes" Nationalmannschaft Entsprechungen gefunden hat, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Die Clubs haben nicht nur in England und Spanien, sondern auch in Deutschland längst über die Auswahlmannschaften gesiegt. Es bleiben dem DFB nur zwei Möglichkeiten: sich selbst abschaffen oder die Sache gelassen angehen.
Thomas Lötz