Krise in Wolfsburg Magaths System-Absturz
Wolfsburg-Trainer Magath: "Dem ein oder anderen Spieler mangelt es an Qualität"
Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERSHamburg - Felix Magath rutschte in Dortmund in der zweiten Halbzeit auf seinem Cheftrainersessel nach hinten, mit einem Griff wurde noch der Schal-Knoten gerichtet, dann huschte ein Lächeln über das Gesicht des 58-Jährigen. Ein schlechtes Zeichen. Denn wenn Felix Magath während eines Spiels lächelt, dann selten aus Freude. Vielmehr ist es seine Art, Niederlagen wegzustecken.
Wenn das Strahlen proportional zur Anzahl der Gegentore stünde, dann hätte Magath am Samstagnachmittag im Kreis grinsen müssen. 1:5 ging seine Mannschaft unter, von Beginn an konnten Mario Götze und Co. beinahe ungestört tun und lassen, was sie wollten. "Wenn man so spielt, muss man nach unten schauen - natürlich ist das nicht unser Anspruch", sagte Mittelfeldspieler Christian Träsch. Sein Trainer ging noch weiter: "Nach solch einer Niederlage kann man sagen, dass es dem ein oder anderen Spieler an der Qualität mangelt, um unsere Ziele umsetzen zu können", so Magath.
Harsche Kritik, die der Trainer an seinem Team übte. Einem Team, das Magath selbst vor der Saison fast komplett nach seinen Wünschen umgebaut hat. Und dennoch wurde in Dortmund zum wiederholten Male deutlich, dass es derzeit an so ziemlich allem mangelt. Dabei hatte Magath vor dieser Saison wie schon bei seiner ersten Amtszeit in Wolfsburg und danach bei Schalke so gut wie alle Freiheiten bei der Kaderzusammenstellung - und mit dem Volkswagenkonzern im Rücken auch reichlich finanzielle Mittel zur Verfügung.
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Im Frühjahr wechselte Magath nahezu nahtlos von Schalke nach Wolfsburg, fand einen akut abstiegsbedrohten Club vor. Er schaffte den Klassenerhalt, Magaths Macht wuchs weiter an. Auch wenn das Team eine schwache Saison gespielt hatte, der Kader hätte mit punktuellen Verstärkungen immer noch zum oberen Liga-Drittel gehört. Doch das System Magath funktioniert anders: Wen er nicht selbst geholt hat, hat kaum Chancen auf einen Stammplatz. So etwa Simon Kjaer, der zu einem Vereinswechsel gedrängt wurde oder Srdjan Lakic, der nach einer starken Saison in Kaiserslautern fast nur Kurzeinsätze bekommt.
In der Sommerpause wurde zudem Magaths ehemaliger Liebling Grafite vergrault, Diego kaltgestellt. Arne Friedrich löste von Verletzungen geplagt seinen Vertrag auf. Magath blähte seinen Kader mit zwölf Zugängen auf 36 Spieler und zum größten der Liga auf. Kaum ein Tag verging in der Transferperiode, an dem kein Wechsel nach Wolfsburg vermeldet wurde. Was man unter den Zugängen vergeblich sucht, sind Talente. Stattdessen wurden unter anderem die ehemaligen Frankfurter Chris (Verteidiger, 33 Jahre alt), Marco Russ (Verteidiger, 26 Jahre alt) und Patrick Ochs (Mittelfeld, 27 Jahre alt) sowie Hasan Salihamidzic (Mittelfeld, 34 Jahre alt) verpflichtet. Allesamt Spieler, die in ihren besten Zeiten gutes Bundesliga-Mittelmaß waren. Doch diese Zeiten sind vorbei.
Für rund zehn Millionen Euro wurde zudem Nationalspieler Christian Träsch verpflichtet, der seine in Stuttgart noch regelmäßig gezeigte Torgefahr bei Wolfsburg nicht ausspielen kann: zu oft wird er voll und ganz in der Defensive gefordert. Seine Offensivwucht fehlt, auch, weil Magaths namhafteste Verpflichtungen bisher floppten.
Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger konnte den Club bei seinen Kurzeinsätzen nicht weiterbringen, derzeit fällt der 29-Jährige mit einer Knieverletzung aus. Alexander Hleb, unter Magath Anfang des Jahrtausends in Stuttgart einer der besten Spielmacher der Liga, kam erst am vergangenen Spieltag gegen Hertha BSC zu seinem ersten Saisonspiel. Der 30-jährige Weißrusse ist noch nicht richtig fit, schätzt seine Leistungsfähigkeit nach Verletzungsproblemen im Sommer auf derzeit 75 Prozent.
Aussortiert, zu alt, verletzt oder außer Form - Wolfsburg droht der Absturz
Bezeichnend, dass Magath dennoch auf ihn zurückgreifen muss - und dafür jedesmal viel Geld zahlt. Das Leihgeschäft läuft vorerst bis Ende des Jahres, pro Einsatz kostet Hleb Magath 100.000 Euro. "Er musste jetzt langsam auch mal spielen, denn wir müssen ja alle gemeinsam im Dezember entscheiden, ob das hier weitergeht", sagte Magath nach dem 2:3 gegen Berlin. Gegen Dortmund kam Hleb kurz vor der Halbzeit in die Partie und erzielte den zwischenzeitlichen Anschlusstreffer.
Das Spiel machen und Tore schießen, das ist normalerweise die Aufgabe von Mario Mandzukic. Mit sieben Treffern und drei Vorlagen war der Kroate an zwei Drittel aller Wolfsburger Treffer beteiligt. Das weiß auch der Gegner. Wenn Mandzukic abgemeldet ist, wie gegen Dortmund, droht kaum Gefahr von den "Wölfen". Dabei sitzt ein ehemaliger Nationalstürmer im besten Alter auf der Bank. Patrick Helmes schoss den VfL beim Auftakt mit zwei Treffern fast im Alleingang zum Sieg gegen Köln. Doch Magath war mit der Laufbereitschaft des 27-Jährigen nicht zufrieden und ließ ihn am Mittellandkanal alleine Trainingseinheiten absolvieren, Helmes Berater sprach von "Mobbing".
Aussortiert, zu alt, verletzt oder außer Form - der Kader des VfL Wolfsburg ist im Spätherbst 2011 wenig bundesligatauglich, das System Felix Magath steht vor dem Absturz.
Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg 5:1 (2:0)
1:0 Götze (12.)
2:0 Kagawa (45.)
2:1 Hleb (59.)
3:1 Sven Bender (61.)
4:1 Lewandowski (66.)
5:1 Götze (78.)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic (46. Felipe Santana), Hummels, Schmelzer - Sven Bender, Leitner (71. Kehl) - Götze, Kagawa, Großkreutz - Lewandowski (74. Barrios)
Wolfsburg: Benaglio - Salihamidzic, Chris, Kyrgiakos, Marcel Schäfer - Josue - Ochs (56. Jönsson), Träsch, Polak (40. Hleb) - Dejagah, Mandzukic
Schiedsrichter: Drees
Zuschauer: 80.720 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Großkreutz - Polak (2), Träsch (2), Chris, Salihamidzic