Krisenfall Klose Der Held als Problemkind
Es sind keine guten Tage für Miroslav Klose. Fotografen schießen noch immer bevorzugt Bilder, die Klose auf dem Boden sitzend zeigen, oder wenigstens grimmig schauend. Noch immer sieht man ihn im Fernsehen vor allem mit hängendem Kopf (allerdings läuft Miroslav Klose selbst in guten Zeiten oft mit hängendem Kopf durch die Gegend). Geschichten über Klose kommen fast gar nicht mehr ohne das gesamte Repertoire tragischer Symbolik aus. Oder besser: immer noch nicht.
Miroslav Klose steckt in einer Krise, und das nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Der Mann, der vor Jahresfrist Torschützenkönig der WM wurde, Torschützenkönig der Bundesliga-Saison 2005/2006, Torschützenkönig der folgenden Hinrunde. Unter Torschützenkönig machte es Klose nicht 2006, und jetzt kommt er nach Herzogenaurach, blaue Jeans, schwarze Jacke, lädt vor dem Herzogspark seine Sachen aus und schleicht mit hängendem Kopf durch den Regen zur Lobby des DFB-Quartiers. Es regnet.
Die Rückrunde der abgelaufenen Saison fing an mit schlechten Blutwerten und endete mit den hartnäckigen Gerüchten, dass Klose in der kommenden Saison doch lieber in München sein Geld verdienen würde. Dazwischen lagen kümmerliche drei seiner passablen 13 Saisontreffer, mehr als 1000 Minuten ohne Torerfolg und der geplatzte Traum von einem Wechsel ins Ausland.
In Internet-Foren wurden Gerüchte über angebliche Eheprobleme des Bremers gestreut und mit der typischen Doppelmoral ("Wer streut die bösen Ehegerüchte??") von Boulevardzeitungen wiedergegeben. Der SV Werder schloss sogar seinen Forumsbereich, um den von Fans als "Miro$lav Klose" Geächteten zu schützen. Es ist eine Menge schief gelaufen in wenigen Monaten.
Sorgenkind mit Stammplatzgarantie
Im Kreis der Nationalmannschaft versucht man nun alles, damit nicht auch noch das schlechte Wetter in Herzogenaurach als Metapher für die derzeitige Verfassung von Klose herhalten muss. Vor dem Spiel gegen San Marino morgen (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Nürnberg gibt Bundestrainer Joachim Löw seinem Sorgenkind eine Stammplatzgarantie. Das ist ein - zuletzt im Fall von Lukas Podolski erfolgreich eingesetztes - Mittel, psychisch angeschlagenen Spielern wieder Selbstvertrauen zu geben. Gerade weil es zuletzt nicht so gut für Klose gelaufen sei, "werden wir ihm den Rücken stärken", sagt Löw. "Ich bin sicher, Miro wird ein paar Tore schießen."
Es ist eher unwahrscheinlich, dass Klose gegen die Nummer 197 der Fifa-Weltrangliste nicht treffen wird, wahrscheinlicher ist sogar, dass es mehrere Tore werden gegen die schon im Hinspiel beim 0:13 bemitleidenswerten Kicker aus San Marino. Die Frage ist, ob es an der speziellen Situation des Bremers irgendetwas ändern würde, selbst wenn am Mittwoch darauf gegen die deutlich stärkeren Slowaken weitere Tore des Angreifers folgen sollten. Die Antwort ist nein. Tore helfen Klose nicht, eher schon Ruhe, ein neuer Berater und vielleicht sogar ein neuer Verein.
Natürlich werden sie das in Bremen sehr ungern hören. Immerhin verweist Sportdirektor Klaus Allofs seit Wochen auf den bis 2008 datierten Vertrag mit der Nummer elf und beschied den werbenden Bayern bereits zweimal, dass ein Verkauf des Angreifers innerhalb der Bundesliga nicht in Frage komme.
"Millionen durch die Lappen"
Aber so bewundernswert diese Verweigerungshaltung gegenüber dem Münchner Geldbeutel auch ist die Kommentare Kloses ("Werder hat gesagt, dass sie mich nicht gehen lassen. Was soll ich da noch machen?") lassen die Anfang Mai durch Allofs verkündete Einigung ("Klose bleibt bis 2008") eher wie eine Verfügung von Vereinsseite aussehen. Klose und die Werder-Verantwortlichen wirken wie ein Ehepaar im Trennungsjahr, das den Schwiegereltern versichert, dass ja eigentlich alles in Ordnung sei.
Allofs steckt in dem Zwiespalt, dass er den Bayern nur die Stirn bieten kann, wenn er die Unzufriedenheit des Topstürmers und mögliche negative sportliche Folgen in Kauf nimmt. Es geht deshalb wohl eher um die Höhe der Ablösesumme.
Vielleicht wäre die Situation anders, hätte Klose nicht Mitte 2006 seinen Berater gewechselt. Der ehemalige Journalist Alexander Schütt ersetzte den Fifa-lizenzierten Michael Becker, der unter anderen auch Michael Ballack vertritt. Plötzlich wurde von "fünf ausländischen Topclubs" gesprochen, die Klose für seine unmittelbare Zukunftsplanung in der engeren Wahl habe. Schütt war es auch, der sich Mitte Juni 2006 bei einer großen Boulevardzeitung darüber beschwert hatte, dass sein Klient in der DFB-Elf Adidas-Schuhe tragen müsse und ihm dadurch "Millionen durch die Lappen gehen" würden.
Der Neue an Kloses Seite leistete seinem Schützling dann auch noch einen Bärendienst, als er ein nach Fifa-Statuten verbotenes Treffen zwischen Klose und Bayern-Manager Uli Hoeneß sowie Trainer Ottmar Hitzfeld zuließ. Der 29-Jährige hat seinen Berater hingegen stets verteidigt obwohl es eigentlich der sensible Klose ist, der Hilfe nötig hätte. Er wirkt mit der aktuellen Situation schlicht überfordert. Sein Berater auch. Ohne Schütt beim Namen zu nennen sagte Becker jüngst der "FR", jeder Spieler habe den Berater, "den er verdient".
Zumindest der DFB wird während der Länderspielwoche alles daran setzen, Klose auf andere Gedanken kommen zu lassen. Und womöglich folgte schon die Wahl des Hotels diesem Plan. Der Herzogspark in Herzogenaurach wurde 1997 mit einem 1. Preis ausgezeichnet. In der Kategorie "Das Tagungshotel zum Wohlfühlen".