KSC im Aufwind: Junge Hüpfer, alte Recken - DER SPIEGEL
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KSC im Aufwind Junge Hüpfer, alte Recken

Die junger Karlsruher Mannschaft hat gute Chancen, wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Cheftrainer Edmund "Ede" Becker setzt auf den eigenen Nachwuchs - und alte KSC-Helden. Viele ehemalige Spieler sind wieder beim Club aktiv.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rainer Krieg, der frühere KSC-Stürmer, redet gerne über die Identifikation mit dem Verein. Sein Trainerzimmer ist ein fensterloser, etwa acht Quadratmeter großer Raum mit einer Pritsche, einem Computer, einer Holzbank. Das muss genügen. Zumal Krieg auch der Tatsache, dass die Trainingsplätze beim KSC im Winter in einem üblen Zustand sind, Positives abgewinnt: "Es hat Vorteile, dass die Jungs hier nicht alles auf dem Präsentierteller geboten bekommen." Auf dem Platz bringt er den Jungen das 4-3-2-1-System der Alten bei.

Viel wichtiger, sagt Krieg, sei, dass die begabten Jungen am Ende ihrer Ausbildung auch eine Chance bei den Profis bekämen. Krieg kennt die Krux dabei: "Wenn die wirtschaftliche Seite stimmt, ist der Nachwuchs wieder abgemeldet." In der vergangenen Spielzeit stieg Kriegs U23 in die Regionalliga auf und schloss auf Tabellenplatz elf ab, derzeit ist sie 13. Krieg schnürt die Kickstiefel, gleich beginnt das Nachmittagstraining. "Man sieht ja, wo man mit den vielen deutschen Talenten landen kann. Ich hoffe, dass man den Weg nicht verlässt, wenn wieder Geld da ist."

Solange Ede Becker Trainer im Wildpark ist, muss sich Krieg wohl keine Sorgen machen. "Wenn wir das große Ziel erreichen", sagt Becker, "muss man einem Großteil der jungen Spieler die Möglichkeit geben, die Früchte zu ernten und sich in der Bundesliga zu beweisen." Getreu dem Konzept, das man nun schon im dritten Jahr so erfolgreich praktiziert: "Den Durchschnitt kann man aus dem eigenen Nachwuchs rekrutieren, Klasse muss man sich punktuell dazuholen."

Dass der Stamm sich seit Jahren kennt, hat den Nachteil, dass man in der Breite dünn besetzt ist. "Wenn sich in einem Mannschaftsteil zwei verletzen, haben wir schon ein Problem", sagt Becker. Doch die Vorteile überwiegen: Wo das Gehaltsgefüge nicht weit auseinanderklafft, können Neid und Missgunst erst gar nicht entstehen.

Es ist schon ein paar Jahre her, da stand auch Thomas Kies vor dem Sprung in ins Profitum. Zumindest sah das Willi Entenmann vom VfB Stuttgart so. Deshalb holte er den gebürtigen Karlsruher in die Landeshauptstadt. Winfried Schäfer, der damalige KSC-Cheftrainer, jettete derweil lieber durch Europa, um vermeintliche Stars zusammenzukaufen, die sich zunehmend als Nieten erwiesen. Dass Schäfer "in der ganzen Saison nicht mal ein einziges Spiel von uns gesehen hat", wurmt Kies dann auch bis heute.

Wie Kies gingen die Besten ganzer Jahrgänge zur Konkurrenz. Mit einem Unterschied: Er kam nach langen Jahren in Stuttgart, Reutlingen und Mannheim wieder zurück. Zurück zum Verein, bei dem er als Kind schon auf der Gegengeraden stand und seinen Helden wie Wolfgang Trapp oder Srecko Bogdan zujubelte. Thomas Kies wurde 1975 geboren. Er war gerade zwei Jahre alt, als sein heutiger Trainer beim KSC unterschrieb. Seither hat Becker seinem Verein ununterbrochen die Treue gehalten.

Heute sitzt Kies in einem stilvoll eingerichteten Bistro am Rande des riesigen Karlsruher Schlossparks. Zusammen mit seinen ehemaligen Mitspielern Danny Fuchs (Fürth), Marco Engelhardt (Nürnberg) und Clemens Fritz (Bremen) unterhält er die "Cantina Majolika" auf dem Gelände einer ehemaligen Keramikmanufaktur. Langsam redet sich Kies in Fahrt. "Es gibt doch nichts Tolleres, als für deinen Club zu spielen", sagt der 31-Jährige, der als Rechtsverteidiger bei Heimspielen eine Lieblingshalbzeit hat: "Wenn wir von rechts nach links spielen, laufe ich vor der Gegengerade rauf und runter. Das ist so laut – wer da nicht Gas gibt, kann kein Fußballer sein."

Auch Giovanni Federico schaut in der "Cantina" gerne mal auf einen Kaffee vorbei. Bevor der 26-Jährige in den Wildpark kam, spielte er fünf Jahre beim 1. FC Köln. Weit brachte er es dort freilich nicht. Zu seinen Anfangszeiten beim FC galt Federico als junges Talent, später als ewiges. Just zu diesem Zeitpunkt vor anderthalb Jahren verpflichtete ihn der KSC. "Seine Qualitäten als Zuspieler und seine Torgefährlichkeit sind überragend", schwärmt Trainer Becker. Federico schwärmt zurück: "Jeder Spieler fühlt sich wohler, wenn er Rückendeckung vom Trainer hat." Es ist ein ganz einfacher Satz, aber er verrät schon das ganze Prinzip.

"Wir haben zuletzt Spieler geholt, die in anderen Vereinen eher Mitläufer waren", erklärt Becker. "Das Vertrauen, das wir in diese Spieler gesetzt haben, danken sie nun mit guter Leistung. Weil sie wissen: Hier werde ich gebraucht. Hier bin ich wer." Manager Dohmen ergänzt: "Die Spieler sagen sich: Da wächst was. Da will ich dabei sein." Und ganz nebenbei haben sie dem Team eine neue Mentalität eingeimpft. Wo man früher mit einem erzitterten Punkt in der Fremde zufrieden war, tritt man heute selbstbewusster auf: "Ich will jedes Spiel gewinnen", sagt Maik Franz, der aus Wolfsburg kam und schnellstmöglich zurück in die Erstklassigkeit will.

Hubert H. Raase gibt sich gerne vornehm, was man daran erkennt, dass er nicht nur ein Einstecktuch, sondern auch ein "H." zwischen Vor- und Nachname trägt. Raase ist seit drei Jahren Präsident des KSC, auf der Mitgliederversammlung Mitte Oktober wurde er mit einer an frühere sozialistische Parteitage erinnernde Stimmenmehrheit wiedergewählt. Dem KSC geht es schließlich wieder gut, zumindest relativ gesehen. Auf 5,5 Millionen Euro beläuft sich derzeit der Schuldenstand; als Raase sein Amt antrat, waren es noch knapp acht Millionen. "Wir haben uns viel Reputation zurückgeholt", sagt er. Man kann sehen, dass er darauf stolz ist.

Gar nicht mehr stolz sind sie beim KSC hingegen auf ihr Stadion. Im über 50 Jahre alten Wildpark-Oval ist der Rasen nicht beheizbar, die Gegentribüne könnte auch im Museum stehen. Die Pläne für einen rund 50 Millionen Euro teuren, 35.000 Zuschauer fassenden Neubau hatte der Verein in der Schublade, sogar die Finanzierung stand. Bis den KSC mal wieder die Vergangenheit einholte, diesmal in Gestalt des Architekten Folker Fiebiger. Dessen Büro hatte bereits 1996 den Auftrag erhalten, eine deutlich luxuriösere Arena zu planen, gebaut wurde die jedoch nie.

Geblieben aus dieser Zeit des maßlosen Prassens sind freilich erhebliche Honoraransprüche des Architekten, ob zu Recht oder zu Unrecht wird gerade juristisch geprüft. Derzeit steht eigentlich nur fest, dass der KSC nicht als Bauherr auftreten wird – und somit die Stadt Karlsruhe unfreiwillig in die Verantwortung gerutscht ist. Dort wird gerade geprüft, ob und wie ein Neubau zu finanzieren ist – oder ob es eine auf rund 20 Millionen Euro taxierte Sanierung nicht auch tut. Beim KSC sind sie bescheiden geworden. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsgeheimnis.