Kultautor Ror Wolf: "Stein, Stinka, Sztany" - DER SPIEGEL
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Kultautor Ror Wolf "Stein, Stinka, Sztany"

Der Fußball liefert wundervolle Geschichten, echte Fußball-Literatur ist dennoch allzu selten. Ror Wolf gilt als der größte deutsche Fußball-Dichter. Leider hat der viel gerühmte Schriftsteller seit Jahren nichts mehr in Sachen Rundledersport veröffentlicht. Dabei ist die Fangemeinde des 71-Jährigen noch immer groß.
Von Daniel Meuren
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Literatur ist Spiel mit der Sprache. Und der Meister des Spiels mit der Fußballsprache ist Ror Wolf, einer der ersten, der sich ab Mitte der sechziger Jahre literarisch mit dem Fußball auseinandersetzte. Und derjenige, der dem runden Leder zumindest im deutschen Sprachraum bis heute am exzessivsten Sprache abtrotzte. "Stein, Stinka, Sztany, das sind die Namen von drei ehemaligen Eintracht-Spielern. Es waren aufeinander folgende Klänge wie diese in den Radioreportagen, die mich zum Sprachspiel animierten. Das war damals literarisch noch lange nicht ausgereizt", sagt Wolf.

In den Siebzigern gelangte der Schriftsteller, der von der Literaturkritik zu den wichtigsten lebenden Autoren deutscher Sprache gezählt wird, auf diese Weise als Fußballdichter zu Ruhm. Wolf hatte sich damals in allen erdenklichen literarischen Formen am Fußballspiel versucht. Er hat Stanzen geschrieben auf Endspiele um die Deutsche Meisterschaft, er hat Moritaten verfasst zu den Weltmeisterschaften. Wolf hat Original-Zitate von Fußballern gesammelt und Sätze wie "Jetzt haue ich wieder voll drauf" mit einer Freude an der Sprache des Balles in den Rang der Literatur erhoben.

Die vielleicht wertvollsten Werke schuf der heute 71 Jahre alte Schriftsteller in seinen für den hessischen Rundfunk produzierten Radio-Collagen. "Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken", schrieb Wolf 1980 in seinen Worten zum literarischen Abschied vom Fußball.

"Ich hatte damals, nach fast anderthalb Jahrzehnten, in denen ich fast nur Fußball im Kopf hatte, alles ausgereizt und musste mich von dieser suchtähnlichen Beschäftigung mit dem Spiel, von diesen endlosen Tagen im Schneideraum beim Hessischen Rundfunk, endgültig verabschieden", sagt Wolf heute. Lediglich ganz wenige Rückfälle anlässlich der Weltmeisterschaften genehmigte sich Wolf. Sonst mehrte er seinen Ruhm auf anderen Feldern der Literatur. Im Herbst letzten Jahres erschien sein neuestes Werk "Zwei oder drei Jahre später".

Ror Wolf hat den Fußball wie so viele beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 entdeckt. Ein Jahr zuvor war er kurz nach den Aufständen des 17. Juni aus der DDR geflohen. Als Bauarbeiter in Stuttgart verfolgte er die Weltmeisterschaft in der Schweiz. Beim Endspielerlebnis mit dem Ohr am Radio am Radio spürte er dann erstmals die Faszination des Fußballs. Der Kommentar von Herbert Zimmermann war eine Art Erweckungserlebnis für Wolf, der nie selbst Fußball gespielt hat. "Ich hatte das eindringliche Gefühl, dass Fußball viel mehr war als nur ein Sport", sagt Wolf im Rückblick.

Später, während der Studienzeit in Frankfurt, erwachte dann die Liebe zur Eintracht. Zunächst mehr aus Raumnot denn aus Begeisterung für deren Spiel. Wolf wohnte so beengt in einer kleinen Studentenbude, dass er häufig Auslauf am nahen Riederwald suchte. Dort trainierten Alfred Pfaff und Dieter Lindner, später Grabowski und Hölzenbein. Wolf gesellte sich zu den Kiebitzen und lauschte voller Faszination deren Erzählungen.

"Die haben mit unglaublichem Sachverstand über Zeiten geredet, die sie nicht erlebt haben und über die man kaum eine Zeile in irgendeinem Statistikbuch findet. Da habe ich bemerkt, wie der Fußball eigentlich vor allem durch diese Fans lebt." Jahre später begab sich Wolf deshalb mit einem Radio-Aufnahmegerät an die Seitenlinie des Trainingsplatzes am Riederwald oder mit Erlaubnis von Trainer Erich Ribbeck in die Mannschaftskabine.

Er nahm auf, was Ribbeck und Jürgen Grabowski, aber auch Heinz und all die anderen Experten am Spielfeldrand sprachen. Großartige Passagen dieser Aufnahmen sind in der ersten Radio-Collage "Die heiße Luft der Spiele" von 1972 zu hören, aber auch in "Expertengespräche" oder "Heinz - wie ist Deine Ansicht?", zwei köstlichen Radio-Collagen, die in den Archiven des Hessischen Rundfunks lagern, aber nie gesendet wurden. In anderen Werken für den Hörfunk hat Wolf Fetzen aus Radioübertragungen mit ironischem Esprit und dem Empfinden für das Wesentliche am Fußball zu grandiosen Collagen vermengt.

Jahrelang hat er dafür Material gesammelt "auf Tribünen und Stehkurven, in Fan-Klub-Kneipen und an den Rändern der Trainingsplätze, wo man die wirklichen Experten trifft, die Naturdarsteller dieses nie zu Ende gehenden Total-Theaters Fußball." Hinzu kamen Aufnahmen der samstäglichen Schaltkonferenzen, die die Sprache des Fußballs prägte und zugleich mit den gesammelten "Schwierigkeiten beim Umschalten" so sehr für Wolfs ironisches Treiben geeignet ist. "Die Reporter von früher waren Literaten. Sie brachten Poesie ins Mikrofon, die eine unglaubliche Leidenschaft erzeugte, die heute fast nur noch ein Günther Koch dem Geschehen auf dem Rasen entlockt."

Wolf setzte sich mit diesem Material tage- und wochenlang in den Schneideraum, setzte die Schnipsel von hunderten und tausenden Metern an Band immer wieder neu zusammen. "Die zehn Collagen haben mich mehr oder minder vollkommen in Anspruch genommen. Nie habe ich soviel Alkohol getrunken wie in den Nächten, in denen ich die Bänder immer wieder abgehört habe", sagt Wolf. Es hat sich gelohnt: Werke wie "Cordoba, Juni 13 Uhr 45", eine Collage aus den Originalkommentaren der deutschen und österreichischen Live-Übertragungen des 3:2-Sieges der Österreicher während der WM 1978 in Argentinien, sind längst Klassiker.

Vor jeder Welt- oder Europameisterschaft dürfen Armin Hauffe und Edi Finger samt seines "I werd' narrisch" nach Ror Wolfs Willen in den öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogrammen ihre Reportagen im Wettkampf zwischen deutschem und österreichischem Reporter wiederholen. Heute verfolgt Wolf den Fußball nur noch aus seiner Mainzer Wohnung. Ein Stadion hat er seit über einem Jahrzehnt nicht mehr betreten, die Liebe zur Eintracht ist noch schwach vorhanden, aber stark gestört. "Ich weiß aber noch immer, dass am Samstag etwas außerordentlich wichtiges passiert", sagt Wolf. Dann läuft noch immer das Radio. Aber leider, so der Fußballdichter außer Diensten, nicht mehr so literarisch wie früher.

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