Kultkeeper Ceni: Goalgetter mit Handschuhen - DER SPIEGEL
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Kultkeeper Ceni Goalgetter mit Handschuhen

Rogerio Ceni kann Freistöße treten wie kaum ein anderer Fußballspieler in Brasiliens erster Liga. 30 Treffer hat er schon für Meister FC São Paulo erzielt. Das Besondere an Ceni aber ist seine Position: Als Keeper soll er eigentlich Tore verhindern und nicht schießen.
Von Mariano Dayan
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Geschichte des treffsicheren Torhüters beginnt, als er 14 Jahre alt ist. Zu dieser Zeit arbeitet er als Aushilfsangestellter bei der Banco de Brasil in Matto Grosso, einer Stadt im Norden des Landes. Nebenher kickt er als Stürmer in der Betriebsmannschaft, zusammen mit anderen Mitarbeitern der Bank. So richtig gepackt hat ihn das Spiel da noch nicht. "Der Fußball kam erst später in mein Leben. Ich bin nicht wie die meisten Brasilianer, die direkt nach der Geburt ungeduldig nach dem Ball fragen", sagt Rogerio Ceni.

Es ist der Zufall, der aus einem Bankgehilfen einen der populärsten Keeper des Landes werden lässt. Ein Spiel der Betriebsauswahl steht an. "Mein Chef, der normalerweise diese Position spielte, fehlte an diesem Tag, also wurde ich ins Tor gestellt." Ceni erweist sich als außerordentlich talentiert, hält jeden Ball und darf weiter im Tor stehen.

Der Chef hat nichts dagegen, zumal Ceni ein Torhüterdress besitzt, das ihm der Vater ein paar Monate zuvor geschenkt hat. Die Kunde vom talentierten Keeper aus der Betriebsliga dringt recht bald auch zu den Clubs durch, die den Fußball nicht nur als Zeitvertreib ansehen. Sinop, ein Verein aus Matto Grosso, der es bis in die erste Liga des Bundesstaates geschafft hat, verpflichtet ihn als dritten Torhüter.

Und wieder kommt der Zufall zu Hilfe. Die etatmäßigen Torhüter verletzen sich, und so steht Ceni plötzlich im Kasten des Erstligisten Sinop und ist dabei, als die Mannschaft aus Matto Grosso die Meisterschaft des Bundesstaates gewinnt. Er weiß kaum, wie ihm geschieht.

Danach geht alles sehr schnell: Ihm wird ein Probetraining beim FC São Paulo vermittelt, unter den kritischen Augen von Trainer José Acras darf Ceni eine Stunde lang mitmachen. Am Ende ist Acras überzeugt von dem mittlerweile 17 Jahre alten Talent. Dessen Sprungkraft und Reflexe gefallen ihm - Ceni unterschreibt einen Zweijahresvertrag.

Doch zunächst sieht es so aus, als hätte Ceni aufs falsche Pferd gesetzt, er schmort auf der Bank. An Stammtorhüter Zetti ist kein Vorbeikommen, 205 Spiele lang. Der Ersatzmann fügt sich ins Unvermeidliche und versucht von Zetti zu lernen, Spiel für Spiel. "So ist das Leben, man muss Geduld haben, um eines Tages anzukommen", sagt Ceni heute. Zu dieser Zeit entwickelt er eine Marotte im Training: Er schießt Freistöße. "Wir hatten keine guten Schützen in der Mannschaft, also habe ich es probiert."

Fortan schlägt er nach dem normalen Training 50 Freistöße über eine künstliche Barriere. Angefeuert wird Ceni von Altmeister Tele Santana. "Die Zahl der Treffer stieg mit jedem Training, und so hat Santanas Nachfolger Muricy Ramalho mich ermutigt, weiter zu üben. Am Anfang habe ich einen von drei Freistößen verwandelt. Ich habe immer dem Training vertraut, obwohl man auch ein bisschen Glück haben muss", erzählt er.

Als Ceni 1997 zum Stammtorhüter bei São Paulo aufsteigt, wagt er etwas, was die Anhänger noch heute zum Schwärmen bringt. Im Spiel der Bundesmeisterschaften gegen Unión San José wird vom Schiedsrichter auf Freistoß in der Nähe des gegnerischen Strafraumes entschieden. Zum Erstaunen der Mitspieler spurtet Ceni aus dem Kasten und quer über das Feld, legt sich den Ball zurecht und tritt ihn unhaltbar in den Winkel. Ein Tor, das den Ruhm des Schützen mit den Handschuhen begründet.

Danach wird von den Rängen lautstark der Auftritt Cenis gefordert, wenn es wieder einmal einen Freistoß in aussichtsreicher Position zu schießen gibt. Und Ceni tut, wie ihm geheißen. 30 Tore erzielt er in den folgenden acht Jahren. Und immer ist der Ablauf der Gleiche: Er läuft über den Platz, stellt sich vor den Ball, nimmt drei Meter Anlauf und zirkelt den Ball in den linken oder rechten Winkel. "Ich ziele immer auf den Winkel", sagt Ceni.

Die Ausflüge des Torhüters sieht nicht jeder Trainer mit Wohlwollen. Mario Sergio, ein ehemaliger Flügelstürmer, schätzt die Unruhe nicht, die der spurtende Keeper mit sich bringt. Zuviel Show, konstatiert er, und zuviel Stress für die Mitspieler und Fans.

Ceni erträgt die kurze Dienstzeit von Sergio mit Geduld und nimmt, kaum ist der Trainer gefeuert, seine Ausflüge an die gegnerischen Sechzehnmeterräume wieder auf. Mittlerweile hat er soviel Routine, dass er nicht mehr jeden Tag trainieren muss. Nur noch am Tag vor dem Spiel schießt er Freistöße, 30 an der Zahl. Er verfeinert die Schusstechnik, feilt an der Genauigkeit.

In São Paulo lieben ihn die Fans. Wegen seiner Konstanz, vor allem aber wegen seines Spleens. Fragt man die Anhänger nach ihrem Idol, fällt sein Name ebenso häufig wie jener der Stürmer Luizão, Tardelli und Grafite. Zumal Ceni mit seinen Toren einen gehörigen Anteil am Gewinn der Copa Libertadores hatte. Im Viertelfinale gegen Chivas traf er gleich zweimal per Freistoß, im Halbfinale noch einmal. Seine Popularität in Brasilien ist kaum noch zu steigern.

Merkwürdig ist allerdings, dass Ceni nie die Chance erhielt, für einen großen Verein in Europa zu spielen. Vielleicht schreckte die Clubs der Gedanke ab, er würde seine wagemutigen Ausflüge auch dort fortsetzen. Vielleicht hat sich der Torhüter aber auch nur verpokert. Denn da war diese Geschichte mit dem FC Arsenal. Ceni hatte mit den Verantwortlichen von São Paulo um eine Gehaltserhöhung gerrungen und nebenbei fallen lassen, er habe eine Offerte von Arsenal.

Die Legende vom Angebot von Arsenal

Das klang zunächst glaubwürdig, schließlich hatte David Seaman gerade dort aufgehört. Präsident Paulo Amaral glaubte die Story jedoch nicht, auch Arsenal dementierte sofort. Die Konsequenz: Der Torhüter wurde für einen Monat suspendiert. Noch heute glaubt niemand, dass es ein ernsthaftes Angebot gegeben hat.

Bisweilen fehlt es Rogerio Ceni an Einsicht und Selbstkritik. Im April 1999 spielte die Nationalmannschaft Brasiliens gegen eine katalanische Auswahl, Ceni verschuldete zwei Gegentore. Die Journalisten in der anschließenden Pressekonferenz staunten nicht schlecht, hatten sie doch einen zerknirschten Keeper erwartet. Ceni jedoch verkündete: "Hätte ich nicht zwei Tore kassiert, wäre es eine der besten Leistungen eines brasilianischen Keepers gewesen." Einen wirklich guten Stand hatte Ceni in der Seleçao anschließend nicht mehr.

Aufgegeben hat er den Traum von der Karriere in der Nationalelf dennoch nicht. Gerade aber ist ohnehin keine Zeit für kühne Pläne, denn im Dezember steht der Weltpokal in Japan an, Gegner ist der FC Liverpool. Dort hat Ceni wieder einiges vor. Drei Meter Anlauf und ab in den Winkel.

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