Länderspiel gegen die USA: Torhüter in der Offensive - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Länderspiel gegen die USA Torhüter in der Offensive

Lange schwelte sie nur, aber pünktlich zum Länderspiel des DFB-Teams gegen die USA ist sie wieder da: die Torwartdiskussion. Bayern-Keeper Kahn reklamiert die Nummer 1 während der WM für sich und setzt Bundestrainer Klinsmann unter Druck. Auch der Kapitän ist auf Kahns Seite.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gute Nachrichten waren zuletzt selten zu hören im Zusammenhang mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, in Düsseldorf gibt es endlich eine. Sie steht inmitten von glitzernden Luxuswagen in der Mercedes-Benz-Niederlassung, trägt eine weiße Jacke und eine schwarze Hose - und wartet. Dann geht Miroslav Klose an das Pult und lächelt in die Fotografenobjektive.

Gleich wird er mit dem Fair-Play-Preis des Sportjournalistenverbandes VDS ausgezeichnet, der Stürmer von Werder Bremen hatte im April 2005 dafür gesorgt, dass Schiedsrichter Herbert Fandel eine Elfmeterentscheidung
zurücknahm. VDS-Vize Hans-Joachim Zwingmann wird vom "sanftmütigen Profi" schwärmen, der "an das Gute in der Welt" glaube, "eine Seele von Mensch".

Soviel Harmonie gab es zuletzt in der Nationalmannschaft nicht. Kurz vor dem Länderspiel gegen die USA morgen Abend (ab 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), mit der Aussicht auf eine Wiedergutmachung der Blamage von Florenz, glätteten sich die Wogen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Chefkritiker Franz Beckenbauer versöhnten sich vor den Augen der Bundeskanzlerin. Dann kam ein Torwart - und entfachte eine alte, fast vergessene Diskussion von neuem.

Oliver Kahn fixiert die Journalisten in der Mercedes-Halle, er trägt einen blauen Trainingsanzug, er war vor kurzem beim Friseur. Dann geht er an den Stuhlreihen vorbei in Richtung des Pultes, vor dem Klose vor wenigen Minuten für seine Fairness ausgezeichnet worden war. Jetzt sitzt dort Co-Trainer Joachim Löw und erklärt, dass sich Kahn und sein Torwartrivale Jens Lehmann "sportlich gesehen in sehr guter Verfassung präsentieren". Als Löw "sportlich gesehen" sagt, hebt er kurz die Stimme, so als wolle er betonen, dass das eine Einschränkung ist.

Sportlich gesehen sind beide vor der Partie gegen die USA tatsächlich in guter Verfassung, Kahns Leistungen beim FC Bayern sind ebenso nahezu fehlerlos wie die von Lehmann beim FC Arsenal. Ein sportliches Patt im Fernduell um den Platz im WM-Tor, das verbal lange Zeit sogar gar nicht mehr geführt worden war. Bis gestern. Vor dem ersten gemeinsamen Auftritt im DFB-Team (Klinsmann hatte zuletzt immer Timo Hildebrand neben Kahn oder Lehmann nominiert) erklärte der Münchner in der "Bild"-Zeitung, von Klinsmann vor dem Italien-Spiel mehrfach gesagt bekommen zu haben, "dass ich die Nummer 1 bin".

Fels im weichen Sand

Kahn setzt sich neben Löw, sein Blick ist gelassen, er weiß, was er gleich gefragt werden wird. Was sagen Sie zur Torwartdiskussion? "Im Vordergrund sollte das Spiel am Mittwoch stehen", sagt Kahn. Es sei wichtig, dass "wir als Mannschaft eine Reaktion zeigen". Könnten Sie sich einen Rücktritt vorstellen, sollten Sie während der WM nicht spielen? "Die Dinge haben sich nicht geändert." Klinsmann habe immer gesagt, er, Kahn, sei die Nummer 1 und Lehmann der Herausforderer. "Und wenn die Entwicklung so weitergeht, dann bleibt es so, wie es ist", sagt Kahn. Spüren Sie Druck? "Druck bin ich gewohnt, den habe ich immer." Der Mann im Trainingsanzug wirkt auf seinem Stuhl wie ein großer Fels im weichen Sand.

Aber warum reklamiert der 36-Jährige nach langem Schweigen plötzlich wieder lautstark die Nummer-1-Position für sich? Vieles spricht dafür, dass Kahn Klinsmann unter Druck setzen will. Der Bundestrainer hat sich bisher öffentlich beharrlich geweigert, die Entscheidung in der Torwartfrage vorzuziehen, Termin ist offiziell immer noch der Mai. Er ist darin so konsequent wie beim Umbau der Mannschaft. Nun wird Kahn, der gegen die USA im Tor stehen wird, darauf hoffen, dass ein deutlicher Sieg gegen "qualitativ nicht die beste Mannschaft" (Löw) letztlich den Ausschlag gibt zu seinen Gunsten.

Vielleicht ist dafür aber nicht mal eine gute Leistung gegen den Weltranglisten-Fünften in Dortmund nötig, denn der streitbare Torwart hat, auch das wurde auf der Pressekonferenz heute deutlich, einen mächtigen Fürsprecher: den Kapitän der Nationalmannschaft. "Es geht nicht darum, mit welchem Torwart ich am liebsten spiele", sagt Michael Ballack. Er werde nicht in die Entscheidung einbezogen, obgleich der Bundestrainer seine Meinung kenne. Welche das ist, lässt der Kapitän aber doch durchblicken. "Oliver Kahn ist die Nummer 1, und ich gehe davon aus, dass er es auch bleibt." Bei der Entscheidung, wer während der WM im deutschen Tor stehen soll, rechne er deshalb auch "nicht mit einer Überraschung", so Ballack.

Der Herausforderer seines Favoriten, das sagt der Kapitän dann noch, habe im Übrigen ja auch seine Chancen bekommen, "das war früher auch anders". Für Jens Lehmann wäre das ein schwacher Trost. Der 36-Jährige hat deshalb bereits vor einiger Zeit angekündigt, bei einem weiteren großen Turnier nicht auf der Bank Platz nehmen zu wollen. Im Gegensatz zu Lehmann hat Kahn daran offenbar noch nicht einen Gedanken verschwendet.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: Oliver Kahn/Bayern München (36 Jahre/83 Länderspiele) - Arne Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/33) oder Patrick Owomoyela/Werder Bremen (26/10), Peer Mertesacker/Hannover 96 (21/19), Christoph Metzelder/Borussia Dortmund (25/18), Philipp Lahm/Bayern München (22/16) - Tim Borowski/Werder Bremen (25/16), Sebastian Kehl/Borussia Dortmund (26/24), Michael Ballack/Bayern München (29/62), Bernd Schneider/Bayer Leverkusen (32/60) oder Bastian Schweinsteiger/Bayern München (21/24) - Miroslav Klose/Werder Bremen (27/51), Gerald Asamoah/Schalke 04 (27/37)
USA: Kasey Keller/Borussia Mönchengladbach (36 Jahre/90 Länderspiele) - Steven Cherundolo/Hannover 96 (27/32), Eddie Pope/Real Salt Lake (32/76), Cory Gibbs/ADO Den Haag (26/17), Heath Pearce/FC Nordsjaelland (21/4) - Ben Olsen/Washington DC United (28/31), Pablo Mastroeni/Colorado Rapids (29/44), Chris Klein/Real Salt Lake (30/21), Bobby Convey/FC Reading) - Taylor Twellman/New England Revolution (26/17), Eddie Johnson/Kansas City Wizards (21/13)