Länderspiel gegen Südafrika Krabbelgruppe mit Problemen
Bremen - Von Per Mertesacker war bisher nicht bekannt, eine austauschbare Person zu sein. Neben seiner Größe (1,98 Meter) zeichnen ihn ein markantes Gesicht und der für sehr große Menschen typische schlendernde Gang aus. Zudem waren die Auftritte des 20-Jährigen in der Verteidigung der deutschen Nationalmannschaft bisher von bemerkenswerter Konstanz. Stets verrichtete er seinen Dienst fehlerfrei und durfte sich seit fast einem Jahr Stammspieler der DFB-Abwehr nennen. Als Einziger. Doch in Bremen war selbst Mertesacker nicht mehr unverwechselbar.
"Herr Jansen, was sagen Sie zum Spiel", fragte ihn der ARD-Reporter direkt nach Abpfiff des Testspiels gegen Südafrika. Mertesacker schaute erst verwundert, dann fand er seine Sprache wieder. "Ich bin gar nicht Marcell Jansen", entgegnete er. Dabei hätte sich der Hannoveraner durchaus geschmeichelt fühlen können. Denn Jansen hatte beim 4:2 (1:1)-Erfolg des DFB-Teams ein gutes Länderspiel auf der linken Seite absolviert, es war sein zweites überhaupt und das erste von Beginn an. Der Bundestrainer bezeichnete die Leistung des 19-Jährigen von Borussia Mönchengladbach sogar als "beeindruckend". Mertesacker hingegen hatte in seiner 16. Partie für Deutschland einen schlechten Tag erwischt. Und, was schwerer wog: Es war bereits sein zweiter in Folge.
Für Klinsmann kann das keine gute Nachricht gewesen sein, dass sich ausgerechnet sein sonst verlässlichster Mann in der Deckung erneut einen Patzer leistete. Schon in der Slowakei beim 0:2 hatte Mertesacker einen Foulelfmeter verursacht, und auch gegen die gerade in der WM-Qualifikation an Burkina Faso gescheiterten Gäste aus Südafrika ließ sich der Schlaks nicht zweimal bitten, als der schnelle Sibusiso Zuma in der Strafraum eindrang. Der Verteidiger war zwar eigentlich pünktlich zur Stelle, doch er grätschte im falschen Moment. Die Folge war der 1:1-Ausgleich durch Shaun Bartlett (26.) - ausgerechnet in einer Druckphase der deutschen Mannschaft.
Länderspiel in Bremen: Roter Prinz und gewagte Flugmanöver
Klinsmann hält die Hand über Mertesacker
Klinsmann, wie immer auf den Schutz seiner jungen Spieler bedacht, sah die Leistung Mertesackers natürlich anders. Nicht mehr wegzudenken sei der aus dem Team, und in der Halbzeit habe man lediglich zu ihm gesagt, "er soll den Elfmeter vergessen, das wird nicht der letzte sein, den du verursachst", erklärte der Bundestrainer. Seine Kritik formulierte der 41-Jährige eher sybillinisch. "Wenn weiter alle so konzentriert arbeiten, spielen wir auch irgendwann mal zu Null."
Dabei sind die jüngsten Aussetzer des bisher so tüchtigen Mertesacker nicht etwa auf fehlende Konzentrationsfähigkeit zurückzuführen, sondern vielmehr eine logische Folge der Klinsmannschen Experimentierpolitik. Mertesacker kann sich seit Monaten nicht mit einem festen Partner einspielen. Gegen Südafrika verteidigte der Hannoveraner mit dem erst 19-jährigen Kölner Lukas Sinkiewicz, dem der Bundestrainer - zu Recht - eine gute Partie bescheinigte.
In der Slowakei bildete Mertesacker dagegen noch mit dem seit Jahrzehnten zur deutschen Abwehrhoffnung erkorenen Christian Wörns die Innenverteidigung, beim Konföderationen-Cup war der in der Zwischenzeit zur U21 versetzte Robert Huth sein Partner. Auch Arne Friedrich, Hertha-Kapitän und nach Meinung vieler eher für den Dienst auf der Außenbahn prädestiniert, spielte schon zentral - mal mit Huth (in Slowenien), Mertesacker (gegen Russland) oder Wörns (in Südkorea). Zu Null gespielt hat das DFB-Team in den vergangenen 15 Spielen nur drei Mal, zuletzt im Juni gegen Tunesien (3:0).
Auch auf der Position des rechten Außenverteidigers offenbarten sich erneut Probleme. Patrick Owomoyela, mit 25 noch der Älteste in der Krabbelgruppe Viererkette (Durchschnittsalter: 20,8 Jahre), zeigte zwar einige nette Kabinettstückchen, etwa als er den Ball in der eigenen Hälfte über den heranstürmenden Dortmunder Delron Buckley lupfte oder Benedict Vilakazi ins Leere laufen lief. Das alles passierte aber, als die Entscheidung schon gefallen war. Den wichtigsten Aufgaben im Tätigkeitsfeld eines rechten Läufers, Verteidigen und Flanken, kam der Bremer jedoch unzureichend nach. Dem 2:3-Anschlusstreffer durch Benni McCarthy (50.) ging eine verunglückte Abwehraktion Owomoyelas voraus, und die offensiven Aktionen des DFB-Teams liefen vornehmlich über die linke Seite.
Hinten muss noch mal von vorn angefangen werden
Und so lautet die Erkenntnis nach dem zur Wiedergutmachungsaktion erklärten Test gegen Südafrika für Klinsmann: Hinten muss noch mal ganz von vorn angefangen werden. Weder der Jugendstil mit Huth, 20, und Mertesacker noch die Variante Erfahrung (Wörns, 33) haben sich als probat erwiesen. Die von Klinsmann erhoffte Stabilisierung tritt nicht ein - sein Team dafür defensiv auf der Stelle.
Einen Lösungsvorschlag präsentierte der mittlerweile als TV-Experte tätige Marco Bode, Europameister 1996 und der Voreingenommenheit unverdächtig. Bode also sprach von seiner Hoffnung, dass ein Mann bis zur WM 2006 wieder fit werde: Christoph Metzelder.
Der lange Verletzte gilt immer noch als irgendwie dem Nationalteam zugehörig, obwohl der Dortmunder seit 2003 kein Länderspiel mehr bestritten hat. In der Bundesliga hat sich der Verteidiger wieder etabliert, und eine Reaktivierung erscheint immer sinnvoller: Metzelder vereint Jugend und Erfahrung, und viele halten ihn immer noch für einen der Fähigsten in Europa. Vielleicht könnte eine DFB-Elf mit dem 24-Jährigen ja Klinsmanns Wunsch nach "zu Null"-Ergebnissen realistischer machen.
Schließlich wird Lukas Podolski nicht in jedem Spiel drei Tore schießen. Dass der Kölner dies gegen Südafrika tat, war die andere Nachricht des Spiels, und die beste dazu. Der Stürmer, in der Slowakei erst in Hälfte zwei eingewechselt, sorgte im Alleingang für den Sieg. Das 1:0 (11.) erzielte der 20-Jährige mit einem herrlichen Lupfer aus 13 Metern nach Vorlage von Miroslaw Klose, dem 2:1 von Tim Borowski assistierte er mit einem herrlichen Pass. Beim 3:1 (48.) setzte er sich am linken Strafraum gegen Lucky Lekgwathi durch und schoss den Ball durch die Beine des ansonsten starken Torhüters Hans Vonk. Und dann die 55. Minute: Querpass von Bastian Schweinsteiger am 16-Meter-Raum, Ballannahme Podolski, Linksschuss aus 18 Metern, 4:2.
Ein ähnliches Tor hatte der Stürmer gegen Mexiko (4:3) beim Konföderationen-Cup gemacht. Unmittelbar nach der WM-Generalprobe waren Podolski und auch Schweinsteiger dann aber mit einer schöpferischen Pause bedacht und gegen Holland geschont worden. "Das hatten wir mit den Vereinstrainern so abgesprochen. Und es hat sich bei beiden ausgezahlt", erklärte Klinsmann in Bremen. Vielleicht sollte der Bundestrainer demnächst mal die Nummer von Ewald Lienen wählen. Der ist Coach von Hannover 96 - und Per Mertesacker.
Deutschland - Südafrika 4:2 (1:1)
1:0 Podolski (11.)
1:1 Bartlett (26., Foulelfmeter)
2:1 Borowski (47.)
3:1 Podolski (48.)
3:2 McCarthy (50.)
4:2 Podolski (55.)
Deutschland: Lehmann/FC Arsenal (35 Jahre/27 Länderspiele) - Owomoyela/Werder Bremen (25/8), Mertesacker/Hannover 96 (20/15), Sinkiewicz/1. FC Köln (19/2), Jansen/Borussia Mönchengladbach (19/2) - Deisler/Bayern München (25/32) ab der 46. Minute
Schneider/Bayer Leverkusen (31/56), Borowski/Werder Bremen (25/12), Ballack/Bayern München (28/60), Schweinsteiger/Bayern München (21/20) ab der 68. Minute Ernst/Schalke 04 (26/23) - Klose/Werder Bremen (27/49) ab der 77. Minute Asamoah/Schalke 04 (26/36), Podolski/1. FC Köln (20/17) ab der 77. Minute Kuranyi/Schalke 04 (23/32). - Trainer: Klinsmann
Südafrika: Vonk/Ajax Amsterdam (35/41) - Lekgwathi/Orlando Pirates (29/14), Mokoena/Blackburn Rovers (24/53), Katza/SuperSport United (27/10), Rammile/Mamelodi Sundowns (21/6) ab der 65. Minute
Mabizela/Valerenga IF (24/40) - Evans/SuperSport United (25/7), Vilakazi/Orlando Pirates (23) ab der 79. Minute Nkosi/Bloem Celtic (24/4) - Zuma/Arminia Bielefeld (30/47) ab der 86. Minute Chabangu/Mamelodi Sundowns (20/5), van Heerden/FC Kopenhagen (22/13) ab der 90. Minute Zwane/Kaizer Chiefs (32/8), Buckley/Borussia Dortmund (27/60) ab der 79. Minute Nblela/SuperSport United (24/7) - Bartlett/Charlton Athletic
(32/74) ab der 46. Minute McCarthy/FC Porto (27/62). - Trainer: Baxter
Schiedsrichter: Gilewski (Polen)
Zuschauer: 28.100 (in Bremen)
Gelbe Karte: - / Rammile