Länderspiel Kirstens Tor mindert Blamage gegen die Schweiz
Kaiserslautern - Ulf Kirsten hat eine enttäuschende deutsche Nationalmannschaft vor der ersten Niederlage gegen die Schweiz seit 43 Jahren bewahrt. Der Leverkusener rettete dem Europameister am Mittwochabend fünf Minuten vor Ende des Jubiläumsspiels zum 100-jährigen Geburtstag des DFB ein glückliches 1:1 (0:1) gegen die Eidgenossen. Der Ausgleichstreffer war umstritten - Michael Ballack hatte zuvor den Schweizer Torwart Zuberbühler behindert -, passte damit aber bestens in das jämmerliche Bild, das die Mannschaft von Erich Ribbeck knapp sieben Wochen vor Beginn der Europameisterschaft neuerlich ablieferte.
Nach einem anfängerhaften Fehler des Dortmunder Torhüters Jens Lehmann hatte Hakan Yakin in der 33. Minute die Führung für den Weltranglisten-54. erzielt. "Ich hab' im Moment eine Pechsträhne. Ich weiß auch nicht, woran das liegt", kommentierte ein sichtlich verwirrter Lehmann den groben Schnitzer, der sich nahtlos an die Patzer des Keepers aus den letzten Bundesligawochen anschloss. Es war ein "Tor, das einfach nicht fallen darf", erkannte Teamchef Erich Ribbeck stellvertretend für die 32.000 Zuschauer im Stadion und die Millionen vor den Fernsehschirmen.
Die im EM-Jahr weiter sieglose deutsche Elf offenbarte einmal mehr gravierende spielerische Mängel. Mit höhnischen Gesängen wie "Ohne Basler habt ihr keine Chance" begleiteten die Fans den armseligen Auftritt der Gastgeber und pfiffen sogar beim Ausgleich, den Schiedsrichter Norman aus Schweden trotz Behinderung des Schweizer Keepers Zuberbühler anerkannte.
47 Tage vor dem ersten EM-Spiel in Lüttich gegen Rumänien präsentierte sich die deutsche Nationalmannschaft als ein Team ohne Ordnung und Zusammenhalt und in geradezu alarmierender Verfassung. Weder Mannschaftssenior Lothar Matthäus in seinem 146. Länderspiel noch der von Teamchef Erich Ribbeck als Regisseur auserkorene Dariusz Wosz waren in der Lage, das Spiel gegen die biederen und im Angriff harmlosen Schweizer zu lenken und zu ordnen. "Wir haben es nach dem 0:1 nicht verstanden, Ruhe in unser Spiel zu bringen", sagte Erich Ribbeck und kam zu dem erschreckenden Fazit: "Es war kein Fortschritt zum Kroatien-Spiel zu erkennen."
Durch frühe Verletzungen von Mehmet Scholl und Christian Ziege wurde Ribbecks Offensivkonzept durchkreuzt. Der für den FC Middlesbrough spielende Ziege musste das Feld nach nur 19 Minuten wegen einer Adduktorenverletzung für den Bremer Marco Bode räumen. Vier Minuten später folgte ihm Scholl, bei dem nach einem Foul von Mazzarelli eine Verletzung an der rechten Schulter wieder aufbrach. Der Münchner wurde durch Dietmar Hamann ersetzt.
Nach 33 Minuten verließ Markus Babbel wegen muskulärer Probleme den Rasen und machte Platz für Christian Wörns. Der Münchner war nur in die Anfangsformation gerückt, weil sich Jens Nowotny wenige Stunden vor dem Spiel mit Muskelproblemen verletzt abgemeldet hatte. Verletzungsbedingte Ausfälle, die auch ein Indiz dafür sind, dass die Spieler am Ende einer kräftezehrenden Saison ausgelaugt sind.
Im ersten Heimspiel seit mehr als sechs Monaten erwischte die deutsche Mannschaft einen guten Start. Schon in der zweiten Minute setzte sich Scholl am linken Flügel energisch durch und flankte präzise auf Ziege, dessen Kopfball Torhüter Zuberbühler nur mit Mühe entschärfen konnte. Den anschließenden Eckball von Scholl köpfte Ziege über das Gehäuse der Eidgenossen. Durch die frühzeitig erforderlichen Auswechslungen der beiden bis dahin auffälligsten Akteure kam bei den Hausherren allerdings schon bald Sand ins Getriebe. Angesichts des wenig konstruktiven Aufbauspiels hallten bereits nach 30 Minuten erste Pfiffe durchs Fritz-Walter-Stadion.
Nach einem kapitalen Schnitzer des vom Publikum durchaus reserviert empfangenen Lehmann kippte die Stimmung auf den Rängen endgültig. Der Keeper von Borussia Dortmund ließ einen harmlosen 25-Meter-Schuss von Hakan Yakin durch die Hände über die Linie rutschen. Mit einer prächtigen Parade gegen Bühlmann verhinderte Lehmann zwar kurz vor der Halbzeit das drohende 0:2, konnte seinen peinlichen Fehlgriff damit aber nicht vergessen machen.
Mit weiteren Wechseln zu Beginn der zweiten Hälfte schöpfte Ribbeck das vereinbarte Kontingent schon beinahe völlig aus und warf sein Konzept damit endgültig über den Haufen. Der Teamchef nahm mit Michael Preetz und Wosz zwei Berliner Spieler aus dem Team. Nun hatte die deutsche Elf mit Oliver Bierhoff sowie den Leverkusenern Ulf Kirsten und Paulo Rink praktisch drei Mittelstürmer auf dem Platz. Bundesliga-Torschützenkönig Kirsten (56.) bescherte Zuberbühler die erste Prüfung nach dem Seitenwechsel, die der Schweizer Schlussmann jedoch mit Bravour meisterte. Kapitän Oliver Bierhoff strahlte dagegen bei seinem 90-minütigen Einsatz einmal mehr keine Torgefährlichkeit aus und hatte danach auch nur Ratlosigkeit parat: "So wie heute können wir uns eigentlich nicht präsentieren."