Legende Nottingham Forest Picasso in den Midlands
Noch zur Mitte der Siebziger hatte Forest nur eine unbedeutende Rolle in der englischen Second Division gespielt. Dann aber, am 6. Januar 1975, wurde Brian Clough Trainer. Der 39-Jährige, der zuvor schon mit Derby County die englische Meisterschaft gewonnen, sich danach aber mit der Vereinsführung überworfen hatte, brachte seinen langjährigen Wegbegleiter Peter Taylor als kongenialen Partner mit. Mit ihrer besonderen Chemie waren die beiden das Manager-Traumpaar der damaligen Zeit.
Clough war für die bissige Außendarstellung und die Grundausrichtung verantwortlich, Taylor gab das Genie dahinter, mit einem unglaublichen Gespür bei der Sichtung von Spielern. Vor allem das Gespann Larry Lloyd und Kenny Burns erwies sich als echter Glücksgriff. Beide waren bei ihren vorigen Vereinen (Coventry beziehungsweise Birmingham City) ins Abseits geraten und brannten darauf, sich zu beweisen. Es passte auf Anhieb. Lloyd und Burns wurden zu einem perfekten Defensivbollwerk vor der Abwehrreihe.
Daneben griffen die neuen Trainer auf Rohdiamanten aus dem Nottingham-Fundus zurück. Zum Beispiel Viv Anderson, der mit feinen Tacklings und präzisem Stellungsspiel erster dunkelhäutiger Nationalspieler Englands wurde. Oder Tony Woodcock, der später seine Tore in Köln schoss. Oder John Robertson. Der stand schon zum Verkauf, als ihn Clough zu einem seiner Schlüsselspieler machte. Robertsons linkes Flügelspiel mit raschen Vorstößen in die Tiefe und präzisen Flanken von der Grundlinie rissen seinen Trainer gar zu der Bemerkung hin, er sei "der Picasso unseres Spiels".
1977 gelang Nottingham die Rückkehr in die First Division, der höchsten Spielklasse. In jenem Sommer glückte Clough und Taylor ein weiterer Coup, als sie den englischen Nationaltorwart Peter Shilton von Stoke City holten. Clough war anfangs skeptisch, schließlich hatte Forest bereits den U21-Keeper John Middleton. Doch Taylor beharrte auf dem Transfer, seine Begründung: "Shilton gewinnt Spiele." Er sollte Recht behalten.
Der Aufsteiger, der als Außenseiter in die Spielzeit 1977/1978 gegangen war, fand sich am 9. Spieltag plötzlich als Tabellenerster vor dem zuvor dominierenden FC Liverpool wieder. Nottingham sollte die Führung nicht mehr abgeben. Die Defensive ließ nur 24 Gegentreffer in 42 Spielen zu. Bis heute ist es in England keinem Neuling mehr gelungen, Meister zu werden. Doch Forest war mehr als nur eine Eintagsfliege.
Bereits in der ersten Runde des Europapokals der Landesmeister traf der Club auf Titelverteidiger Liverpool. Wieder einmal galt die Mannschaft aus den East Midlands als krasser Außenseiter. Dann aber gewann Forest daheim 2:0, erkämpfte sich im Rückspiel ein 0:0 und war spätestens danach keine Unbekannte mehr in Europa. Mit seinem modernen, schnell vorgetragenen Kurzpassspiel marschierte das Team zu einer Zeit, als der britische Fußball noch für simples Kick and Rush bekannt war, ins Halbfinale.
Dort gab es im Hinspiel mit einem 3:3 gegen den 1. FC Köln den ersten Dämpfer. Es war Taylor, der das nötige Hintergrundwissen besaß, um das Blatt noch zu wenden. Der Ehemann seiner Nichte hatte in Deutschland an der Sporthochschule Köln unter Hennes Weisweiler studiert. Er berichtete, dass der Kölner Trainer ein konservativer Mensch sei, dem es an Mut fehle, und der folglich versuchen würde, das zu verteidigen, was er hatte. So kam es dann auch. Der FC wollte im Müngersdorfer Stadion das torlose Remis halten, während Forest stürmte und schließlich verdient 1:0 gewann.
Eine bis dahin international völlig unerfahrene Mannschaft erreichte also das Finale in München. Das Spiel gegen Malmö FF wurde kein Fest, sondern es wurde entschieden durch einen Flugkopfball von Trevor Francis, der im Winter für die damalige Rekordsumme von einer Million Pfund aus Birmingham gekommen war. Als die Sieger am nächsten Tag in Nottingham landeten, lag ihnen die Stadt zu Füßen. Einer war da bereits wieder im Urlaub: Clough hatte seinen Kreta-Urlaub nur für den Abend des Endspiels unterbrochen, im Anschluss war er sofort in sein Feriendomizil zurückgekehrt.
Ein Jahr später stand Cloughs Truppe erneut im Endspiel des Landesmeisterpokals, Gegner in Madrid war der Hamburger SV. Zum Held wurde einmal mehr Keeper Shilton. Forest genügte ein frühes Tor durch Robertson, um den Titel erfolgreich zu verteidigen: Bis heute ist Nottingham der einzige Verein, der häufiger den Landesmeisterpokal errungen hat als die nationale Meisterschaft.
Auf lange Sicht war aber auch diese Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Zwar spielte Forest noch einige Jahre im Vorderfeld der First Division mit, doch zum Titel reichte es nicht mehr. 1983 brach das Duo Clough/Taylor auseinander, Clough machte alleine weiter. Die späten Achtziger waren dann schon geprägt von Cloughs immer stärker werdenden Alkoholproblemen. 1993 stieg Forest nach 16 Jahren Erstklassigkeit ab. Clough trat zurück. Er erlag 69-jährig am 20. September 2004 einem Magenkrebs-Leiden, im Januar 2003 war Clough eine neue Leber transplantiert worden. Nottingham Forest spielt heute in der dritten Liga.