Lehmanns Schwäche Löws Torwart-Entscheidung fällt in Spanien
Er wollte die Diskussion erst gar nicht aufkommen lassen. Die Baustelle schließen, ein Machtwort sprechen. Er war jedoch nicht deutlich genug. Es war im Dezember, ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich, als Bundestrainer Joachim Löw sagte: "Fest steht, dass wir sowohl auf Jens Lehmann als auch auf Timo Hildebrand zählen." So offen die Aussage gemeint war, so endgültig wurde sie interpretiert: Lehmann wird trotz fehlendem Stammplatz beim FC Arsenal die Nummer eins im deutschen Tor bei der EM sein. Hildebrand, zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Bankspieler beim FC Valencia, sein Stellvertreter.
Ein paar Wochen später haben sich neue Interpretationsmöglichkeiten ergeben. Wochen, in denen sich Hildebrand mit guten Leistungen den Stammplatz im Tor Valencias erkämpft hat. Wochen, in denen Lehmann nur ein Spiel für Arsenal bestreiten durfte - weil sich der Spanier Manuel Almunia an der Hand verletzt hatte. Und dann kam noch der Abend in Wien, an dem sich der 38-jährige Lehmann so weit entfernt von einer EM-tauglichen Verfassung präsentierte, dass nicht nur TV-Experte Günter Netzer der Meinung war: "Das ist ein großes Thema." Auch der Bundestrainer wusste: "Es ist klar, dass bei Lehmann eine Diskussion aufkommt, wenn er Fehler macht", sagte Löw.
Mindestens drei schwere Lehmann-Patzer zählten die Chronisten im Spiel gegen Österreich, und nur das für Deutschland schmeichelhafte Ergebnis (3:0) bewahrt den WM-Helden von 2006 vor dem Absturz zum nationalen Sündenbock. Vier Monate bleiben Lehmann bis zur EM, die Erinnerung an den schwarzen Abend von Wien verblassen zu lassen. Eigentlich genug Zeit. Das Problem ist nur: Es sind zu wenig Spiele.
Dreimal tritt die Nationalmannschaft vor der EURO noch zu Testspielen an. Dazu ist Lehmann der Einsatz in London nur im FA-Cup garantiert. Dort bleiben noch einmal zusätzlich maximal vier Spiele inklusive Endspiel. In der nächsten Runde muss der Lehmann-Club gegen Manchester United antreten - vielleicht schon das letzte Pokalspiel. Die komfortable Situation, den sicher geglaubten Nationalmannschaftsstammplatz in nur wenigen Spielen durch Fehler kaum noch verlieren zu können, könnte sich ins Gegenteil umkehren: Sollte er noch weitere Chancen im Nationalteam und beim FC Arsenal bekommen - werden sie ausreichen, den guten Ruf wiederherzustellen?
Auch Lehmann scheint die neuen Zeichen erkannt zu haben. In der Mixed Zone nach dem Spiel gestern Abend zeigte er sich bereits von der unnahbaren Seite, er hatte den Schutzpanzer wieder übergezogen. Er habe lediglich einen Fehler gesehen, ließ er verlauten. Und außerdem: Er könne sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen Fehler gemacht habe. Lehmann versucht mit seiner Art der Selbstsuggestion auch das Umfeld von der eigenen Stärke zu überzeugen. Doch er liegt falsch, wenn er sagt: "Heute war der Druck vielleicht nicht so groß."
Auch wenn er sich damit der Fehleranalyse seiner Mitspieler anschließt - in seiner Situation ist so eine Aussage fatal. Es war eine seiner wenigen Chancen, sein Standing nicht nur im Nationalteam, sondern auch in Richtung Arsenal-Coach Arsène Wenger zu verbessern. Dass er dennoch keinen Druck verspürt haben will, beweist: Auch Lehmann schien sich seiner Position eindeutig zu sicher zu sein.
Sollte er am 26. März gegen die Schweiz wieder ran dürfen, was heute so ungewiss erscheint wie nie zuvor, wird auch er den Druck deutlich spüren. Es wird eine der wenigen Gelegenheiten sein, in denen er sein Schicksal selbst in der Hand hat. Sieben Wochen sind es bis zum Spiel in Basel, Lehmann wird in dieser Zeit gegen Manchester versucht haben, Punkte im Kampf um das EM-Tor zu sammeln. Löw wird dem Auftritt sicherlich besondere Aufmerksamkeit schenken. Vorwiegend wird sein Blick jedoch südlicher wandern.
Denn die Entscheidung wird nicht auf der Insel fallen. Sechs Ligaspiele wird Hildebrand in der Priméra Division bis zum Schweiz-Spiel voraussichtlich bestreiten. Auch Lehmann muss nun bangen Blicks nach Spanien schauen. Der Vorteil liegt beim 28-jährigen Hildebrand. Spielt dieser weiterhin konstant mit vielen sehr guten und wenig weniger guten Leistungen wie seit Jahresbeginn, wird sich Löw vielleicht schon gegen die Schweiz für einen Torhüterwechsel entscheiden.
Spätestens zu den finalen Tests am 27. Mai in Kaiserslautern gegen Weißrussland und am 31. Mai in Gelsenkirchen gegen Serbien müsste Hildebrand, mit sieben Länderspielen noch ein Nationalmannschaftsjüngling, jedoch im Tor stehen. Nur dort könnte er sich den nötigen Rückhalt in der Mannschaft erarbeiten, der für das EM-Turnier unerlässlich ist. Auch fehlt dem früheren Stuttgarter noch die internationale Erfahrung, die Mannschaftsratsmitglied und Meinungsführer Lehmann besitzt. Ein Ausschlusskriterium ist das freilich nicht.
Nur eines ist zum jetzigen Zeitpunkt sicher: Sollte nichts Unvorhergesehenes geschehen, fällt die Entscheidung zwischen Lehmann und Hildebrand. Und sollte sich Löw tatsächlich für die junge Lösung entscheiden, wird er sich noch nach einem neuen dritten Torwart umsehen müssen - denn die bisherige Nummer drei, Robert Enke, wird dann den Platz des Hildebrand-Stellvertreters einnehmen müssen. Lehmann wird die EM sicher nicht von der Bank aus anschauen wollen. Damit würden auch die Parallelen zur Torwartentscheidung vor zwei Jahren zwischen Lehmann und Oliver Kahn enden. Was wohl Lehmanns einziger Trost wäre: Dass ihm sein Vorgänger nicht auch nachfolgen wird.