Ballack: Reizfigur auf der Bank
Leverkusens Problemfall Ballast Ballack
Es war ein intensives Match, das sich Werder Bremen und Bayer Leverkusen beim 1:1 (1:0) im Weserstadion geliefert hatten. So spannend, dass auch die Leverkusener Ersatzleute die Partie direkt hinter ihrem Torwart Bernd Leno bis zur letzten Sekunde verfolgten.
Mittendrin in der Traube der Ersatzspieler: Michael Ballack. 90 Minuten lang Reservist. Und dennoch hatte man das Gefühl, der 35-Jährige sei die eigentliche Hauptfigur rund um diese Partie. Der Spielausgang geriet zum Nebenaspekt.
Nach dem Bruch mit den Bayer-Bossen Wolfgang Holzhäuser und Rudi Völler und der verbalen Attacke seines Beraters Michael Becker auf die Bayer-Spitze schaute alles darauf, wie sich der Altstar im Weserstadion verhalten würde. Hatte Ballack zunächst auf der Bank Platz genommen, eilte er dann auf Aufforderung von Trainer Robin Dutt nach 50 Minuten zum Aufwärmen. Gebraucht wurde der Ex-Nationalmannschaftskapitän mitnichten, "es gab in der zweiten Halbzeit keinen Grund, wechseltechnisch einzugreifen", begründete Dutt den Verzicht.
Ballack verschwand wortlos in der Kabine
Ballack selbst eilte nach Spielschluss wortlos in die Kabine - einen Kommentar hatte der Kämpe zur vertrackten Causa nicht abgeben wollen. Dafür tat dies sein Mannschaftskollege Manuel Friedrich, den, wie die Kollegen, das Theater nur noch nervt. "Ballack beschäftigt mich total. Ich konnte drei Tage lang nicht schlafen. Ich bin froh, dass ich überhaupt 90 Minuten durchgehalten habe." Wer den 32-jährigen Innenverteidiger kennt, weiß, dass es Sarkasmus war.
Eigentlich läge es um des vereinsinternen Friedens willen nahe, die Nummer 13 vorzeitig auszumustern. Aber Dutt hält sich - offenbar auf Weisung aus der Chefetage - noch alle Türen offen. "Das sind Nebengeräusche, das gehört dazu. Wichtig ist, dass die Mannschaft sich nicht ablenken lässt. Michael wird für uns noch Spiele machen, das ist doch klar." Mehr oder minder deutlich sprachen sich die Protagonisten in einer umformierten Werkself - Dutt vertraute einer Mittelfeldraute mit Lars Bender offensiv, Stefan Reinartz defensiv und Simon Rolfes und Gonzalo Castro auf den Halbpositionen - jedoch dafür aus, den in Bremen eingeschlagenen Weg nicht mehr zu verlassen. Und eben Personal zu vertrauen, das aus der weniger hierarchisch denkenden Generation stammt.
"Das ist der Kader der Zukunft", belobigte Dutt den Auftritt der Seinen, die sich nach dem Bremer Führungstreffer von Claudio Pizarro (29.) mit dem hochverdienten Kopfballtreffer von Stefan Reinartz (57.) für ihren Aufwand belohnten.
Werder und Bayer wirken nicht wie Spitzenteams
Von einem zukunftsweisenden Schritt trotz teilweise großer spielerischer Armut sprachen auch die Bremer, bei denen wegen acht verletzt fehlender Kräfte nicht nur die Schweizer Leihgabe François Affolter (20 Jahre) ein zufriedenstellendes Bundesligadebüt in der Innenverteidigung gab, sondern auch die ansonsten nur in der zweiten Mannschaft bislang eingesetzten Florian Hartherz (18) als Linksverteidiger und Niclas Füllkrug (18) als Einwechselstürmer.
Allein deswegen empfahl Clubchef Klaus Allofs, nicht auf die ersten vier Plätze zu schauen, sondern sagte: "Da, wo wir jetzt stehen, gehören wir hin." Hinter den Spitzenteams aus München, Dortmund, Schalke und Mönchengladbach, in der Verfolgerrolle zwar, aber mit gebührendem Abstand. Ähnliches galt für den Gast - auch Leverkusen fehlt derzeit das Format, um ernsthaft nach den Champions-League-Plätzen zu trachten.
Die Qualifikation für die Europa League erscheint das einzig realistische Ziel, auch wenn das Erfolgserlebnis an der Weser den einen oder anderen zur Verklärung animierte. "Wie wir die Zweikämpfe geführt haben, war es das beste Spiel der Saison. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie die ganze Sache drumherum nicht belastet", beschied Nationalspieler André Schürrle in Anspielung auf die Ballack-Querelen. "Michael nerven die - wir konzentrieren uns auf die wichtigen Dinge", sagte Schürrle und fügte an: "Michael muss für sich eine Entscheidung treffen."
Wechsel nach Nordamerika ist denkbar
Aus dem Umfeld Ballacks ist zu hören, dass ein Wechsel in der am Dienstag ablaufenden Wechselfrist nicht in Frage kommt, wohl aber ein Engagement in der amerikanischen Profiliga (MLS), in der auch andere Bundesliga-Recken wie Frank Rost oder Ballacks alter Kumpel Torsten Frings die Karriere zuletzt verlängert haben. Dafür bräuchte Ballack auch erst bis zum 15. April zu wechseln und könnte die nächsten Monate noch sein üppiges Salär einstreichen - sein Jahresgehalt unter Bayer-Obhut wird bekanntlich auf sechs Millionen Euro taxiert.
Geschäftsführer Holzhäuser stellte vor der Partie erneut klar, dass eine vorzeitige Vertragsauflösung nicht in Frage komme. "Wir haben noch drei Monate Vertrag. Das werden wir profimäßig abwickeln. Der Michael wird sicherlich noch das eine oder andere Spiel bei uns bestreiten, und auch gute Spiele bestreiten. Warum soll das nicht der Fall sein?"
Vielleicht, weil Ballack-Berater Becker den Betriebsfrieden störte, indem er auch dessen Mitspieler Simon Rolfes und Stefan Kießling indirekt angegangen hatte, an die sich der Verein nicht heranwage. Rolfes wollte dazu keine Stellung beziehen, "so etwas muss ich nicht kommentieren." Becker hatte am Freitag zudem erklärt, Ballack sei ein "Bauernopfer". Dazu entgegnete nun Holzhäuser: "Michael Becker ist von Hause aus Berater von Michael Ballack und gleichzeitig Jurist. In der Kombination ist er Verteidiger. Und der Verteidiger hat manchmal eine andere Ansicht als die Gegenseite. Ich lasse das mal so im Raume stehen."
Grundsätzlich sei er jedoch gesprächsbereit, wenn sich ein Interessent melden würde. "Dann muss man reden." Um den Ballast Ballack doch noch loszuwerden.