Löws neue Nationalelf Der Basta-Trainer
Welche Worte Joachim Löw bei seiner Rede an die Nationalspieler wählte, ist bislang nicht durch die Mauern des Berliner Hyatt-Hotels gedrungen. Wohl aber, dass die Sätze, die der Bundestrainer als "Ansprache" und keinesfalls als Diskussionsgrundlage verstanden haben wollte, sowohl von Torsten Frings als auch von Michael Ballack gehört wurden.
Bundestrainer Löw: Der Hausmeister der Nation
Foto: AFPBeide Spieler, die sich zuletzt explizit und öffentlich darüber beschwert hatten, dass der Trainerstab ihre Verdienste nicht ausreichend würdige, waren trotz ihrer Nichtberücksichtigung für das Spiel gegen England am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nach Berlin gereist. Zum einen, weil sie als Mitglieder des Mannschaftsrates über die Prämien für die WM 2010 verhandelten. Zum anderen, weil die Rede Löws am Montagabend zuvörderst den beiden galt: Sie waren die Hauptadressaten. Schließlich ging es um das öffentliche Signal, dass es beim DFB eine Hausordnung gibt, an die sich auch langgediente Nationalspieler zu halten haben - und einen Hausmeister, der über die Einhaltung dieser Regeln wacht.
Souverän und selbstbewusst
Zuvor hatte Löw den Journalisten schon einmal in groben Zügen zu verstehen gegeben, was er seinen Nationalspielern nach dem abendlichen Besuch im Kanzleramt erläutern würde. Es gehe um "seit längerem bekannte Regeln", sagte Löw. Zu denen gehöre es eben, dass Michael Ballack "gerne seine Meinung" vertreten dürfe, "die Entscheidungsprozesse aber den Trainern vorbehalten bleiben." Wäre Löw Gerhard Schröder, man hätte von einer Basta-Rede gesprochen.
Löw tritt dieser Tage souverän und selbstbewusst auf, er weiß, dass er der Sieger der vergangenen Wochen ist. Seine Position ist auch in der öffentlichen Wahrnehmung gefestigter denn je allzu viel Sympathie ist Ballack und Frings nicht zugeflogen. Zumal sich der Bremer ausgerechnet zum ungünstigsten Zeitpunkt im Verein eine spektakuläre Formkrise gönnte.
Ballack bleibt gesetzt
Im Gegensatz zu seinem langjährigen Gefährten im zentralen Mittelfeld muss sich Ballack zumindest bei allen Signalen, Warnungen und Grundsätzen keinerlei Sorgen um seinen Stammplatz machen. Er gehört zu den nicht gerade zahlreichen Ausnahmekönnern im deutschen Team. Trotz aller Kabbeleien hat der Bundestrainer zu viel Respekt vor den fußballerischen Fähigkeiten seines Kapitäns, als dass er ihn jemals sportlich zur Disposition stellen würde.
Umgekehrt hat Ballack zu viel Hochachtung vor dem Fachwissen Löws, als dass er wirklich an dessen Stuhl sägen würde. Es mag grotesk klingen, aber eigentlich sind Ballack und Löw ganz froh, dass sie einander haben. Ballack ist nach dem Einzelgespräch in Frankfurt und der Ansprache von Montagabend nachhaltig auf Kurs gebracht. Wenn Löw gelassen verkündet, dass "so etwas nicht mehr vorkommen wird", könnte er damit sogar Recht haben.
Löw geht gestärkt aus dem Konflikt hervor, Ballack immerhin erhobenen Hauptes. Der Verlierer ist Frings, der mit Glück noch das ein oder andere Spiel machen dürfte, in der teaminternen Hierarchie aber vom ersten Assistenten des Chefkochs zum Aushilfskellner abgerutscht ist. Heute verpasste der Bremer als einziger übrigens den Mannschaftsbesuch bei Kanzlerin Angela Merkel. Laut Teammanager Oliver Bierhoff stand Frings auf dem Weg nach Berlin im Stau.
Die Regeln, die Löw noch einmal ins Gedächtnis gerufen hat, kannten natürlich auch Michael Ballack, Torsten Frings und ihre Berater, als sie in Interviews scharfe Kritik an der DFB-Personalpolitik übten. Dass sie dennoch meinten, öffentlich Druck machen zu müssen, zeigt, dass der ein oder andere Platzhirsch durch die Entwicklung nach der EM ganz schön verunsichert ist. Und schlecht beraten dazu.
Der Umbruch geht weiter
Nur so ist auch die Ballacksche Warnung vor einem angeblich zu abrupten Generationswechsel zu verstehen, nur so die öffentlich geäußerte Sorge, internationale Erfahrung und die Verdienste der Vergangenheit gälten beim DFB nichts mehr. Diese Furcht mag aus ihrer Sicht nicht ganz unbegründet sein, denn Löw modelt das Team seit dem EM-Finale in schwindelerregendem Tempo um.
Schon zu den ersten Spielen danach wurden immer mehr junge, talentierte Spieler berufen. René Adler, Heiko Westermann, Simon Rolfes, Piotr Trochowski, Marko Marin oder Patrick Helmes sind heute feste Bestandteile des Kaders oder gar schon Stammspieler, von Oliver Neuville oder Christoph Metzelder spricht längst niemand mehr.
Gegen England werden Rolfes und Jermaine Jones die Positionen von Frings und Ballack übernehmen - ein Test, wie weit die nächste Generation schon ist. Dazu dürfte der Wolfsburger Marcel Schäfer sein Debüt auf der linken Abwehrseite geben. Allerdings nur, weil mit Philipp Lahm, Christian Pander und Marcell Jansen gleich drei Konkurrenten für diese Position ausfallen.
Dennoch, der Umbruch geht mit ungebremster Rasanz weiter. Am Montagmittag saßen mit Schäfer, Marvin Compper und Tobias Weis gleich drei Spieler auf dem Pressekonferenz-Podium des Berliner Hyatt-Hotels, die bis vor kurzem nur ausgewiesene Jugendfußball-Experten auf der Straße erkannt hätten. Sie traten eloquent, selbstbewusst und dennoch bescheiden auf. Also genau so, wie der Teamchef das an seinen Spielern schätzt.
Deutschland - England
(Mittwoch, 20.45 Uhr)
(die voraussichtlichen Aufstellungen)
Deutschland: Adler (Bayer Leverkusen) - Friedrich (Hertha BSC Berlin), Mertesacker (Werder Bremen), Westermann (Schalke 04), Schäfer (VfL Wolfsburg) - Schweinsteiger (Bayern München), Jones (Schalke 04), Rolfes (Bayer Leverkusen), Trochowski (Hamburger SV) - Klose (Bayern München), Helmes (Bayer Leverkusen) oder Gomez (VfB Stuttgart)
England: James (FC Portsmouth) - Johnson (FC Portsmouth), Upson (West Ham United), Terry (FC Chelsea), Bridge (FC Chelsea) - Wright-Phillips (Manchester City), Carrick (Manchester United), Barry (Aston Villa), Downing (FC Middlesbrough) - Walcott (FC Arsenal), Bent (Tottenham Hotspur)