Löws WM-Kader: Das Team bin ich - DER SPIEGEL
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Löws WM-Kader Das Team bin ich

War da was? Als hätte es keine Kuranyi-Debatte gegeben, präsentiert Joachim Löw seine Spieler für die WM. Von Kaderdiskussionen will er nichts wissen, rechtfertigt sein Auswahlprinzip - sein Signal an das Volk der Bundestrainer: Nur einer entscheidet, wie das beste Team für Deutschland aussehen muss.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer wieder warf sich Jens Lehmann in den Schlamm und faustete die Bälle beim Training ins Seitenaus. Dazu regnete es aus einem tiefgrauen Himmel, der in Kontrast stand zur Szenerie im festlich erleuchteten Mercedes-Benz-Museum, das gerade einen Steinwurf vom Trainingsgelände des VfB Stuttgart entfernt liegt.

Während sich Lehmann beim Torwarttraining im Regen quälte, warteten nebenan im Museum Hunderte Journalisten und Fotografen auf die Benennung des vorläufigen WM-Aufgebots durch Bundestrainer Joachim Löw. Und sie alle wussten: Jens Lehmann, der Mann vom Nebenplatz, würde nicht dabei sein.

Der "beste deutsche Torwart" (Lehmann über Lehmann) hatte den beiden sicher fürs WM-Tor Nominierten Tim Wiese und Manuel Neuer in der "Stuttgarter Zeitung" noch am Morgen gewohnt kollegial die Befähigung zur Nummer eins abgesprochen - und dem Trainerstab die Fachkompetenz. Löw wollte diese Einlassungen dann nicht weiter kommentieren. Ein ironisches Lächeln tat es stattdessen auch.

Der Bundestrainer hatte bei seiner Präsentation genug damit zu tun, der Nation zu erläutern, warum er sich scheinbar eiskalt über Volkes Stimme hinweggesetzt hat und Kevin Kuranyi in Gelsenkirchen lässt. Einen Stürmer, der im Gegensatz zu den Lukas Podolskis und Miroslav Kloses nachgewiesen hat, dass er auch in der Liga weiß, wo das Tor steht.

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DFB-Nominierung: Der Kader für die WM

Foto: JOHANNES EISELE/ REUTERS

Ohne den Namen des 18-fachen Bundesliga-Torschützen nur ein einziges Mal zu nennen, erklärte Löw für seine Verhältnisse auffallend wortreich, nach welchen Kriterien er den Kader zusammengestellt hat. Er ließ sogar einen Imagefilm mit Sonnenuntergängen, Gnus, Elefantenbabys und Löwen zeigen, der seine Entscheidung bildmächtig untermalen sollte.

Offenbar wollte man beim DFB die Gelegenheit nutzen, sich der wochenlangen Kritik an der Nominierungspraxis zu stellen. Und dazu bot die Veranstaltung in Stuttgart reichlich Gelegenheit.

Kuranyi nicht einmal mit Namen erwähnt

Die zwei drängendsten Entscheidungen - Kuranyi bleibt zu Hause, Bayern-Torwart Hans-Jörg Butt fährt mit - waren vorher durchgesickert. Und so bot die Veranstaltung naturgemäß wenig Überraschendes. Dass Podolski und Klose dabei sein würden, war lange klar. Letzteren adelte Löw sogar zu einem seiner fünf Führungsspieler. Dass es Thomas Hitzlsperger nicht ins WM-Aufgebot schaffen würde, erstaunte die Beobachter genauso wenig; er kommt schließlich auch bei Lazio Rom kaum zum Einsatz. Außerdem erwartbar: die Benennung der Nachwuchsgarde um die Bayern Holger Badstuber und Thomas Müller, die Bremer Mesut Özil und Marko Marin sowie den Noch-Leverkusener Toni Kroos.

Nun steht also fest: Der Kader ist jung, so jung wie schon lange bei keiner WM mehr. 13 der 27 Nominierten sind unter 25.

Eindringlich erklärte Löw deshalb, weshalb ihm all die Volksabstimmungen und Leitartikel und all die "allwöchentlichen Empfehlungen" zum Streifall Kuranyi kaltgelassen hatten. Es sei nicht seine Maxime, "die aktuell besten Spieler zusammenzurufen - wenn dies das Rezept wäre, wären Spanien und Brasilien immer Weltmeister". Vielmehr gehe es darum, "das beste Team zusammenzustellen und zu formen".

"Der Verantwortung sehr, sehr bewusst"

Spätestens als Löw einen minutiösen Arbeitsnachweis seines Stabes nachschob, konnte man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass da jemand die Notwendigkeit zu einer Rechtfertigung sah. Mehr als hundert Spiele habe der DFB-Trainerstab in der aktuellen Saison beobachtet, jeder WM-Kandidat sei von "mindestens vier Trainern" über mehrere Monate bewertet worden, sagte der Trainer. Kurzum: "Wir sind uns unserer Verantwortung sehr, sehr bewusst."

Daran hatten allerdings nicht mal die eingefleischtesten Freunde Kuranyis gezweifelt.

Am Ende fand sich kaum ein Beobachter, der in Löws 27er-Kader himmelschreiende Fehlentscheidungen ausmachen konnte. Und so gab es Gesprächsbedarf eher wegen einiger kurioser Randbeobachtungen.

Zum Beispiel die, dass neben dem starken Bayern-Block (sieben Spieler) auch je vier Spieler von Werder Bremen, dem VfB Stuttgart und dem Rückrundenzehnten Hamburger SV nominiert wurden. Unter ihnen sind der Rekonvaleszent Marcell Jansen und Dennis Aogo - zwei HSV-Spieler, deren Nominierung kaum einer erwartet hatte. Sie könnten bei der Benennung des endgültigen 23-Mann-Aufgebots am 1. Juni schnell wieder gestrichen werden. Jansen und Aogo zählten jedenfalls zu den am häufigsten Genannten, als die Journalisten nach der Präsentation ihre ersten Wetten zum Thema abschlossen.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass die fünf "Perspektivspieler", die beim Benefiz-Länderspiel gegen Malta am 13. Mai in Aachen mittun dürfen, gleichzeitig mit den WM-Fahrern präsentiert wurden. Eine Überraschung, schließlich werden dadurch Kevin Großkreutz, Mats Hummels (beide Dortmund), Stefan Reinartz (Leverkusen), Tobias Sippel (Kaiserslautern) und Marco Reus (Gladbach) für die Öffentlichkeit zu Fast-Nationalspielern aufgewertet.

Sie rutschen allerdings nur nach oben, weil alle Spieler von Werder Bremen und FC Bayern sowie Kapitän Michael Ballack noch Pokalendspiele vor sich haben - und deshalb bei dem Spiel in Aachen ausfallen.

Nicht auszuschließen also, dass schon bald die nächsten Personaldebatten auf den Bundestrainer zukommen. Er hat gelernt, damit umzugehen.