Logbuch eines Fußballprofis: Ach, du hast ein Leben! - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Ach, du hast ein Leben!

Die Kolumne des Rostocker Bundesligaprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE: Was ist schon ein Sieg bei Bayern München im Vergleich zu den Erfahrungen während eines Friseurbesuchs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie wissen ja, wie das ist. Man fährt nach München, spielt gegen den glorreichen FC Bayern, holt sich seine Packung ab und fliegt wieder zurück an die Küste. Stopp! Am Samstag ist etwas Außerplanmäßiges geschehen: Bayern München hat verloren. Gegen uns, Hansa Rostock. Mehr allerdings auch nicht.

Dem deutschen Meister waren die Strapazen der letzten Wochen deutlich anzumerken. Und so will ich unsere Leistung auch nicht überbewerten, obschon: Der Erfolg war nicht unverdient, und dass mir der Siegtreffer gelang, war natürlich auch nicht schlecht.

Aufschlussreicher als zeilenlanges Geschwafel über "tolle Gefühle" und "Sensationen" scheint mir allerdings die Schilderung meines Friseurbesuches zwei Tage vor der Reise nach München. Ohne einen Termin vereinbart zu haben, betrat ich den Laden in Rostock und war mir fast sicher ihn auch unverrichteter Dinge wieder verlassen zu müssen.

Aber nein, die rotgefärbte Chefin selbst erwies mir die Ehre und bot mir umstandslos einen Platz in ihrem Salon an. In der Hoffnung, den neuesten Tratsch aus Rostock zu erfahren, ließ ich mich entspannt nieder und äußerte meinen Wunsch nach nur kleinen Veränderungen an meiner "Haarpracht".

"Ähm, 'tschuldigung, aber Sie sehen genauso aus wie dieser Fußballspieler von Hansa." Ich erkenne ein leicht verlegenes Lächeln im Spiegel, lasse mir aber nichts anmerken. Sie: "Ja, eigentlich interessiere ich mich überhaupt nicht für Fußball (kicher, kicher), aber mein Freund hat eine Dauerkarte und geht zu jedem Spiel."

Das Eis ist gebrochen - zumindest für sie. "Nur schneiden, oder auch waschen?" Bevor ich antworten kann, hat sie meinen Kopf schon im Würgegriff und zerrt mich zum Waschbecken. "Ich hab dich neulich im Fernsehen gesehen, da wirkst du viel größer." "Hm", antworte ich, "kann sein, weiß auch nicht woran das liegt." Ich hoffe inständig auf ein baldiges Schweigen ihrerseits, umsonst. "Und deine Haare sind immer so zottelig. Muss das so, trägst du das immer so? Das sieht so ungepflegt aus!"

Das ist hart, aber ich halte mich wacker und starre auf das "zottelige Wesen" im Spiegel. "Na ja, der Alex von 'Big Brother' hat ja eine ähnliche Frisur", entfährt es ihr. Jetzt muss ich doch schlucken, aber bevor ich lautstark protestieren kann, fragt sie mich, warum ich denn nicht arbeiten muss, und dass sie mich schon des Öfteren in einem Café hat sitzen sehen. "Ihr verdient soviel Geld und habt soviel Freizeit."

Es geht ans Eingemachte und ich fühle mich gezwungen, meinen Berufszweig zu verteidigen, komme aber nicht so recht zu Wort. Im letzten Moment kann ich zwar eine Totalrasur meines Kopfes verhindern, nicht aber den Redeschwall meiner Friseurin. So lasse ich meine Gedanken schweifen und verstehe so langsam, warum der Freund meiner Haarstylistin eine Dauerkarte besitzt. Nachdem der letzte Schnitt getan ist, macht meine Friseurin einen mehr als unzufriedenen Eindruck. Wohl auch deshalb, weil sie mich lieber mit Ricky-Martin-Fönfrisur gesehen hätte.

So aber kostet mich der Spaß nur 14,80 Mark. Und in Vorfreude auf einen ruhigen Kaffee, zu dem ich sie rhetorisch einlade, versetzt mir die Rothaarige einen allerletzten Hieb. "Ach, du hast ein Leben. Wenn ich das nächste Mal auf die Welt komme, werde ich auch Fußballspieler, so schwer kann das ja anscheinend nicht sein, wenn selbst du das schaffst." Ich atme erneut tief durch, verkneife mir aber jeglichen Kommentar und empfehle mich, ein Lachen verkneifend.

Mittlerweile habe ich mir unseren Erfolg gegen die Bayern noch einmal auf Video angeschaut und bin neben einigen Aufschlüssen über das Spiel unter anderem auch zu dem Ergebnis gekommen, dass ich beim nächsten Mal auch auf jeden Fall einen anderen Friseur ausprobieren werde.