Logbuch eines Fußballprofis Der weiche Diplomat
Nun sitze ich hier mit meinem Freund Markus auf der Tribüne des Ostseestadions und möchte eigentlich nichts anderes, als dass meine Mannschaft heute gegen den VfB Stuttgart ein tolles Spiel hinlegt und die Schwaben vom Platz "fegt". Alle, bis auf die 43 mitgereisten Anhänger der Schwaben, möchten genau das gleiche wie ich. Deshalb sind wir hier, und deshalb sind wir Fans des FC Hansa Rostock.
Klar, eigentlich bin ich Angestellter dieses Clubs, aber heute möchte ich "nur" Fußballfan sein und das Spiel aus den Augen eines Fan sehen.
Höhnisches Klatschen und Lieblingsspieler
So wie früher. Über jeden Fehlpass schimpfen und jede nicht verwertete Großchance des Gegners höhnisch beklatschen. Ich werde meinen Lieblingsspieler bei jeder gelungenen Aktion in die Nationalmannschaft schreien und bei jeder schlechten sofort verhökern.
Sollte der Schiedsrichter auch nur eine Fehlentscheidung gegen meine Mannschaft treffen, so wird er den Rest des Spiels als von mir Geächteter erleben müssen. Fangesänge der mitgereisten Gästeanhänger werde ich niederbrüllen, sowie
ich schon die Mannschaftsaufstellung des VfB im Vorfeld bei jedem verlesenen Namen mit einer Schmähung quittieren werde.
Rutschen auf der Plastikschale
Aber es kommt ganz anders. Bereits vor dem Anpfiff rutsche ich unruhig auf meiner Plastikschale herum, und meine Blicke streifen nervös über die
Zuschauermenge. Ich verspüre ein Kribbeln in der Magengegend, dass jedes "Fansein" in mir
bereits nach drei gespielten Minuten völlig auslöscht.
Ich beschimpfe weder den Schiedsrichter ob einer Fehlentscheidung, noch beklatsche ich höhnisch eine vergebene VfB-Chance. Das Spiel ist alles andere als ein fußballerischer Hochgenuss. Was heißt
Hochgenuss? Mein Freund Markus ist im Gegensatz zu mir ein "echter" Anhänger und bringt es auf den Punkt: "So ein scheiß Spiel!"
Ich versuche ihn zu besänftigen, indem ich erschöpfte Worthülsen anführe wie: "Es geht halt um sehr viel." "Man merkt beiden Mannschaften die Verunsicherung an." Und: "Der Platz ist auch schlecht." Doch mein Nachbar schüttelt nur verständnislos den Kopf.
Sehnsucht nach dem Schlusspfiff
Oh, wie tief bin ich gesunken? Vom erbarmungslosen Teenagefan zum weichen Fußballdiplomaten.
Irgendwann gegen Ende des Spiels ertappe ich mich bei der Maniküre meiner Fingernägel per Gebiss, aber nicht weil ich es vor Aufregung und Dramatik kaum aushalten kann, sondern nur in Erwartung des Schlusspfiffs.
Das Spiel ist aus, und die meisten Zuschauer lassen ihrem Zorn über dieses "Gegurke" (Zitat Markus) durch Meckern und Pfeifen freien Lauf. Der Punktgewinn immerhin als Trostpflaster. Ehrlich gesagt habe ich diese Partie bereits nach ein paar Minuten aus meiner Erinnerung gestrichen und folge gedankenverloren der Menschenmasse, als ich am Ausgang einen sichtlich enttäuschten Bekannten treffe, der mir im Ton der Verzweiflung sagt: "Heute hast Du es ja mal aus der
Sicht der Fans gesehen. Jetzt weißt Du mal, wie das so ist."
Ich überlege, was ich ihm antworten soll, doch mir fällt wieder nur hohles Wortgeklingel ein, darum sage ich lieber gar nichts mehr und nicke nur stumm.