Logbuch eines Fußballprofis: Harry Potter hilft im Abstiegskampf - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Harry Potter hilft im Abstiegskampf

Die Kolumne des Rostocker Fußballprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Teil 12: Der Sieg gegen Duisburg, warum ein Kinderbuch für die Vorbereitung wichtig und der FC Bayern als nächster Gegner eigentlich eine Katastrophe ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

24.04.2000 - Es ist das vielleicht entscheidende Spiel in einer kuriosen Saison. Obwohl wir bis dato nur zwei Rückrundenbegegnungen verloren haben, stehen wir am Abgrund zur Zweiten Liga. Der Grund für unsere etwas "missliche" Lage ist die einfache Tatsache, dass wir nicht die Fähigkeit besitzen, einen Vorsprung, sei er auch noch so komfortabel - ich darf stellvertretend an das 2:0 in Kaiserslautern erinnern -, über die Zeit zu retten. Sollte uns gegen den MSV Duisburg also kein Sieg gelingen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, in der nächsten Saison vor 2574 Zuschauern im Berliner Mommsenstadion gegen TeBe spielen zu müssen.

Da wir im Vergleich zu, sagen wir mal Borussia Dortmund, "alte Hasen" im Abstiegskampf sind, ist unsere Stimmung vor dem Spiel gegen den MSV recht gelöst. Viel eher als vor den neunzig Minuten "graust" es meinen Mitspielern und mir da schon vor den zwei Tagen Hotelaufenthalt bei schönstem Frühlingswetter.

So viele virtuelle Golfpartien und Grossangriffe auf die Normandie können mein Zimmerkollege (Name ist der Redaktion bekannt) und ich auf dem Laptop gar nicht spielen, um nicht trotzdem irgendwann völlig sinnentleert an die Decke unserer drei mal vier Meter großen "Zelle" zu starren. Deswegen bemühe ich mein - vor Kreativität geradezu überschäumendes - Geistespotential, mir eine tolle Idee zwecks Hotelfreizeitgestaltung ins Hirn zu zaubern.

Apropos "Zauber". Schon mal von Harry Potter gehört? Ist zur Zeit in aller Kinder- und Erwachsenenmunde. Harry ist ein kleiner Junge, der zu seiner eigenen Überraschung über magische Kräfte verfügt und so allerhand spannende Abenteuer erlebt. So, jetzt wissen Sie also auch, wie ich die zwei Tage bis zum Anstoß mit Leichtigkeit herumkriege.

Zurück im realen Leben: Leider muss ich Ihnen schon wieder mitteilen, dass ich nicht von Beginn an spielen werde. Aber Sie sind jetzt nicht wirklich überrascht, oder?

An diesem sonnigen Samstag nehme ich also ein weiteres mal auf der Auswechselbank Platz, um mir das Treiben auf dem Feld anzusehen. Und ich muss sagen, dass wir ganz anständig spielen. Von zu erwartender Verkrampfung ist nichts zu spüren, und es dauert nur dreißig Minuten, bis uns Peter Wibran in Führung schießt. Weitere 120 Sekunden später ist es Victor Agali, der einen Ball per Kopf im Duisburger Netz versenkt.

Eigentlich sollte die zweite Halbzeit dazu dienen den Vorsprung auszubauen. Aber, stopp: als mittlerweile eingefleischter Hansa-Fan wissen Sie natürlich, was kommt. Richtig. Duisburg bestimmt das Geschehen und es scheint mal wieder eine Frage der Zeit zu sein, wann ihnen der Anschlusstreffer gelingt. Vielleicht um das zu verhindern, schickt mich Andreas Zachhuber in der 70. Minute auf den Rasen und der ebenfalls eingewechselte Kreso Kovacec erzielt nach schönem Sololauf das hoffentlich entscheidende 3:0.

Der MSV schafft durch Markus Beierle immerhin noch den Ehrentreffer. Wir haben uns die Chance auf den Klassenerhalt bewahrt und nach dem Schlusspfiff ist allen Akteuren die Erleichterung anzumerken. Zur Belohnung haben wir die darauffolgenden Ostertage frei bekommen, und ich denke ein jeder weiss die Zeit zu nutzen, denn nächstes Wochenende führt uns der Spielplan wieder einmal nach München, diesmal gegen den großen FC Bayern. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was uns dort erwartet.

Noch ein Wort zu Harry Potter: Wenn Sie gerne der Realität entfliehen, als Kind vielleicht sogar Zauberer werden wollten oder auch heute ab und zu gerne über magische Kräfte verfügen würden, müssen Sie sich unbedingt Teil eins besorgen: "Harry Potter und der Stein der Weisen".