"Logbuch eines Fußballprofis" I had a Dream
Ich stehe mit meinem Auto an der Kreuzung und warte darauf, dass die Ampel endlich auf grün umspringt und ich der Menschenmenge aus Weihnachtsmarktbesuchern und Fans, die ebenso wie ich aus dem Rostocker Ostseestadion kommen, entfliehen kann.
Neben mir schwenken Autofahrer euphorisiert ihre Hansa-Rostock-Fahnen und freuen sich über unseren 1:0-Heimsieg gegen die derzeit beste Vereinsmannschaft der Welt.
Gedankenverloren blicke ich auf die Straße und bemerke gerade noch rechtzeitig das Herannahen des Mannschaftsbusses vom FC Bayern aus einer Seitenstraße. Langsam und fast lautlos rollt der Koloss an mir vorbei. Schemenhaft kann ich eine Person vorne links hinter dem Busfahrer erkennen. Es könnte Uli Hoeneß sein, der da gestikulierend versucht, seinem näheren Umfeld die Gründe für die Schmach bei dem ostdeutschen Underdog zu erklären.
Blicke haften wie Magnete
Während meine Blicke wie Magnete an dem Vereinslogo der Bayern haften, schweifen meine Gedanken zurück in meine Kindheit. Ich sitze mit meinem älteren Bruder und meinem Opa vor dem Fernseher und verfolge die ARD-"Sportschau". Wie jeden Samstag träume ich davon, irgendwann selber in einem großen Stadion gegen die Bayern oder noch besser bei ihnen zu spielen.
Sobald die Sendung beendet ist, sprinte ich ohne Abendbrot die Wohnungstreppe herunter, schnappe mir meinen Ball und fange schon auf dem kurzen Weg zu unserem Bolzplatz damit an, die so eben gezeigten Spiele noch einmal nachzuspielen - aber dieses Mal mit meinem Wunschergebnis und meinen Wunschtorschützen. Meistens bin ich alleine auf dem Betonplatz und so Kommentator, Zuschauerkulisse und sämtliche Spieler in Personalunion.
Jubeln mit Ästen und Blättern
Wenn mir ein schönes Tor gelingt, laufe ich in Richtung Baumreihe, die sich am Rande des Platzes befindet, und jubele den Ästen und Blättern zu. Meine Spiele sind immer sehr hart umkämpft und wenn "meine" Bayern am Ende mit 5:4 oder ähnlich knappen Ergebnissen ihre Spiele gewinnen, hat Karl-Heinz Rummenigge mindestens drei Treffer erzielt. Dann umarme ich mich selbst und wälze mich vor Begeisterung auf dem harten Steinboden.
Überglücklich und total ausgepowert verlasse ich Stunden später mein Stadion. Nicht selten vergesse ich dabei, mich vor dem Schlafengehen wenigstens noch notdürftig zu säubern.
Wie ich dem Bus am Samstag so hinterherschaue, frage ich mich, ob es für mich wohl noch möglich sein wird, dieses kindliche Glücksgefühl nach einem Bundesligaspiel (falls ich denn noch mal eines bestreiten darf !?!) zu erleben. Es gab zwar zwischendurch des Öfteren Partien, die wie damals zwar spannend und aufregend waren, aber nie ein so intensives Glücksgefühl bei mir auslösen konnten.
Vielleicht ist es aber auch so, dass die kindliche Freude für Erwachsene nicht mehr zu erreichen ist.
Christian Brand
PS: Liebe Leser, nach nunmehr über hundert Kolumnen und fast zweijähriger Logbuchführung habe ich mich entschlossen, dass die heutige Ausgabe auch gleichzeitig die letzte dieser Art sein wird. Ich glaube, dass ich sonst Gefahr laufen würde, Sie zu langweilen. Und das ist natürlich keineswegs meine Absicht.
Vielen Dank für Ihre Treue und ein frohes und friedliches Weihnachtsfest.