Logbuch eines Fußballprofis: Strategische Kriegsführung mit Panzergeneral 3 - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Strategische Kriegsführung mit Panzergeneral 3

Die Kolumne des Rostocker Fußballprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Teil 8: Wie der moderne Kicker seine Zeit um ein Bundesligaspiel herum tot schlägt. Gedanken über virtuellen und echten Fußball gegen Arminia Bielefeld.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

26.3.2000 - Als ich noch nicht zum "erlesenen" Kreis der Fussballprofis zählte, habe ich mich des öfteren gefragt, wie man die langen Busfahrten und Hotelaufenthalte wohl am sinnvollsten nutzen könnte. Jetzt weiss ich es: Man besorgt sich einen Laptop und verfolgt "online" die neuesten Börsennotierungen. Was aber noch viel besser ist und von meinem Zimmerkollegen (Name ist der Redaktion bekannt) seit geraumer Zeit praktiziert wird: "Panzergeneral 3".

Das sagt Ihnen nichts? Falls Sie Kinder haben, werden die Sie sicherlich gerne in die Geheimnisse strategischer Kriegsführung einweihen. Bei meinem Zimmerkollegen jedenfalls habe ich beobachtet, dass die Einnahme der Normandie schon mal fünf bis sechs Stunden dauern kann. Ohne Unterbrechung.

Da er und ich uns bei Spielen immer das Zimmer teilen und ich keine Ahnung von "Panzergeneral 3" hatte, kam es vor, dass wir während des Hotelaufenthaltes so gut wie gar nicht miteinander sprachen. Ich will nicht sagen, dass ich mich einsam fühlte, aber komisch fand ich das doch.

Und auch meinem Kollegen erschien dieser Zustand nicht länger "tragbar", so dass er zwecks gemeinsamen Zeittotschlagens ein neues Spiel mitbrachte: "Anstoß 3", ein Fußballmanagerspiel, das selbst ich verstand. Seither vertreiben wir uns ein paar Stunden des Tages im Hotel mit dem Zusammenstellen von Mannschaften und allem, was ein Fußballmanager eben so zu tun hat. Echten Fußball spielen wird dann natürlich auch noch. Zum Beispiel am Freitag auf der Bielefelder Alm.

"Experten" behaupten, dass weder Arminia Bielefeld noch wir zurecht die von uns eingenommen Tabellenplätze belegen. So treffen eigentlich zwei heiße Uefa-Cup-Platz-Anwärter aufeinander!?! Aber Otto Rehhagel hat immer gesagt: "Die Tabelle lügt nicht - nicht wahr, meine lieben Leute?"

Ich komme erneut auf der linken Außenbahn zum Einsatz. Und dieses Mal habe ich die "dankbare" Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der schnelle Rechtsaußen Rene Rydlewicz möglichst nicht zur Entfaltung kommt. Für Bielefeld ist dieses Spiel die wohl letzte Chance auf den Klassenerhalt und dementsprechend druckvoll und angriffslustig bestürmen sie unser Tor. Nichtsdestotrotz sind wir es, die in diesem mittelmäßigen Kick den ersten Treffer durch Markus Lantz erzielen. Ich beschränke mich größtenteils auf Abwehrarbeit und ahne recht früh, dass es heute in Hektik und K(r)ampf statt in flüssigem Kombinationsfußball enden wird. Die erste Hälfte vergeht viel zu langsam, was ich nicht unbedingt als positives Zeichen werte.

In der Halbzeitpause muss "Tiger" Herrmann Gerland seinen Jungs wohl einiges versprochen haben, denn die zweiten 45 Minuten werden zu einem einzigen Sturmlauf auf unser Tor. Folgerichtig erzielt der eingewechselte Roland Maul das 1: 1. Zu diesem Zeitpunkt sieht es nicht gut für uns aus. Dennoch gelingt Peter Wibran erneut die Führung. Aber wir wären nicht wir, sollte nicht auch dieses Spiel wieder unentschieden enden. Und so spricht der unsicher wirkende Schiedsrichter Wagner den "Hausherren" nach einem Foulspiel Wibrans an Jörg Böhme einen Elfmeter zu, der von Thomas Stratos sicher verwandelt wird - 2:2, denn wir sind wir.

Da meine Freundin am vergangenen Dienstag unsere kleine Tochter zur Welt gebracht hat, gestattet mir unser Trainer, die Rückfahrt mit einem Vereinsfunktionär anzutreten. Unser Zeitvorteil verfliegt aber aufgrund einer Reifenpanne, so dass wir am Ende um 3.30 Uhr fast zeitgleich mit dem Mannschaftsbus in Rostock eintreffen. Hätte ich das geahnt, ich hätte lieber ein bisschen "Anstoß 3" gespielt.