Logbuch eines Fußballprofis: Tränen in der Halbzeitpause - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Tränen in der Halbzeitpause

Die wöchentliche Kolumne des Rostocker Bundesligaspielers Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Die Verletzung von St.-Pauli-Spieler Adamu, Erinnerung an den eigenen Beinbruch und Irritationen über einen Torjubel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Pressemitteilung liest sich nüchtern, und der Leser hat sie ein paar Minuten später auch schon wieder vergessen: "Der Mittelfeldspieler des FC St. Pauli Yakubu Adamu fällt nach einem Schien- und Wadenbeinbruch, den er sich in der Bundesligapartie gegen den 1. FC Kaiserslautern zugezogen hat, für mindestens sechs Monate aus."

Als ich am Fernsehschirm die Bilder sah, die zu der schweren Verletzung des St. Paulianers führten, musste ich zwangsläufig an meinen Beinbruch vor knapp drei Jahren denken. Während es sich bei meiner Verletzung um einen unglücklichen Zusammenprall mit einem Gegenspieler handelte, trat der Kaiserslauterer Spieler Lincoln bei dem Kampf um den Ball mit gestrecktem Bein in Richtung seines Gegners. Natürlich wollte Lincoln seinen Gegenspieler nicht so schwer verletzen. Wenn man allerdings so hart einsteigt wie er, muss man zumindest die Verletzung eines Berufskollegen einkalkulieren.

Kein moralischer Zeigefinger


Ich möchte an dieser Stelle nicht den moralischen Zeigefinger heben und schon gar niemanden verurteilen. Was mich aber irritiert, sind folgende Dinge: Der unglückliche Zwischenfall ereignete sich in der ersten Spielhälfte so um die 15. Spielminute herum. Nach dem Spiel berichtete Lincoln, dass er, als man ihm in der Halbzeitpause von der Schwere der Verletzung Amadus informierte, geweint hätte.

Eine halbe Stunde nach Wiederanpfiff erzielte der Brasilianer ein Kopfballtor, reißt sich das Trikot vom Körper, baut noch einige südamerikanische Tanzeinlagen in seinen Jubel ein und feiert, als wäre nichts geschehen. Immerhin liegt der von ihm schwer verletzte Spieler wahrscheinlich zeitgleich auf dem Operationstisch und lässt sich einen Nagel zwecks schnellerer Genesungsmöglichkeit durch seinen Unterschenkel schlagen.

Befremdliche Jubelarie


Vielleicht werden Sie jetzt fragen: Soll der Lincoln sich auswechseln lassen und heulend in der Kabine sitzen bleiben? Nein, soll er nicht! Aber gerade Südländer zählen doch, wie auch von Lincoln in der Halbzeitpause bestätigt, eher zur sensibleren Spezie der Fußballer. Angesichts dieser Tatsache empfand ich seine hemmungslose Jubelarie ziemlich befremdlich.

Es kann natürlich auch sein, dass das Tor einen therapeutischen Zweck erfüllt hat. Vielleicht konnte Lincoln sich all seiner schlechten Gefühle und Gedanken mit Ausziehen des Trikots beim Torjubel gleich mit entledigen. Da kann man sich ja fast für ihn mitfreuen und sagen: "Schön, dass es wenigstens einem der Beteiligten wieder gut geht."

Bei St. Paulis Adamu können Sie ob seiner Gesundheit und Gemütslage ja in ein paar Monaten noch einmal nachfragen.