Logbuch eines Fußballprofis Wembley, ich war dabei!
Ich war "minus" sechs Jahre alt, als der Engländer Geoffrey Hurst im Weltmeisterschaftsfinale 1966 den Ball gegen die Unterkante der deutschen Torlatte drosch und der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst und sein sowjetrussischer Kollege an der Linie, Tofik Bachramow, gemeinsam auf Tor entschieden.
Mein Opa war es, der mir das sagenumwobene Wembley- Tor erklärte. Und mein Opa war es auch, der meinte, jeder Fußballer müsse einmal in seinem Leben in "Wembley" gewesen sein. Leider konnte ich meinem Großvater nicht mehr erzählen, dass ich tatsächlich in der weltberühmten Arena zu Gast war. Wenn auch nur als Zuschauer.
Juni 1996. Deutschland hat sich fürs EM-Halbfinale gegen England qualifiziert, und der Manager meines damaligen Arbeitgebers, Werders Willi Lemke, organisierte Eintrittskarten und buchte einen Flug für die gesamte Mannschaft in die englische Hauptstadt. Wohl auch, weil mit Marco Bode und Oliver Reck zwei Teamkollegen im damaligen Nationalmannschaftsaufgebot standen.
Eine große Vorfreude überkam mich, die ich normalerweise nur vor Musikkonzerten verspüre. Schon eine Stunde vor Spielbeginn besangen und feierten die englischen Fans ihre Mannschaft, vor allem aber, so schien es mir, sich selbst. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung, und als "God Save The Queen" aus den mindestens 50 Jahre alten Boxen der Stadionanlage dröhnte, sang das gesamte Stadion mit. Mein Körper wurde für ein paar ganz lange Sekunden von einer Gänsehaut erfasst.
Das Spiel stand für mich überhaupt nicht im Mittelpunkt. Ziemlich fasziniert beobachtete ich die um mich herum versammelten englischen Fans, die den Wirkungen der Droge Fußball an diesem Abend völlig ausgeliefert waren. Das ganze Kaleidoskop an Stimmungen. Nach Shearers frühem 1:0 ganz oben, dann mittendrin, und als sie das Spiel schließlich nach Elfmeterschießen verloren hatten, taten mir die Jungs wirklich leid.
Noch Ewigkeiten nach Spielschluss saßen sie gedankenverloren und versteinert auf ihren Plätzen, noch immer konnten sie nicht begreifen, dass sie wie schon bei der WM 1990 von Deutschland im Elfmeterschießen "bestraft" und aus dem Turnier geworfen worden waren.
Es waren diese Eindrücke, die den Besuch in der ehrwürdigen Arena für mich zu einem unvergesslichen Erlebnis machen, von dem ich heute noch beim Stichwort "Wembley" ungefragt zu erzählen beginne. Und es ist ein wirklich merkwürdiges Gefühl, wenn ich daran denke, dass das Spiel um die Fahrkarte zur Fußball-WM zwischen England und Deutschland das letzte Spiel im alten Wembley sein wird.
In ein paar Jahren werde ich meiner Tochter die Eintrittskarte von 1996, die ich natürlich aufgehoben habe, als Beweis für meine damalige Anwesenheit unter die Nase halten - auch auf die Gefahr hin, dass sie mich dann nur stirnrunzelnd und verständnislos anstarren wird. Aber das ist dann auch egal, ich war in Wembley.