Logbuch eines Fußballprofis Wer will schon ein Weichei sein?
Es muss irgendwann 1979 gewesen sein: In dem Jahr hat mein Opa mich in einem Fußballverein angemeldet. Es gab zwei Dinge, die mir gleich zu Beginn meiner Minikickerkarriere besonders stark aufgefallen sind und die sich wahrscheinlich bis zum Ende dieser Laufbahn nicht mehr verdrängen lassen.
Erstens: Ich war bei jedem Spiel der mit Abstand kleinste Junge auf dem Platz. Das war schon ziemlich doof. Was ich aber noch viel doofer fand, und das ist Punkt zwei, waren kettenrauchende, hektisch am Spielfeldrand umherlaufende Menschen, die unaufhörlich irgendetwas mir nicht Verständliches aufs Feld schrieen und hässliche Fratzen zogen. Es waren die Eltern meiner Mannschaftskameraden, die allwöchentlich unseren Spielen beiwohnten und ihre sechsjährigen Söhne als Blindfische, Luschen, Weicheier und Mädchen titulierten, wenn sie mal wieder zufällig den Ball in die verkehrte Richtung geschossen haben.
Saftige Ohrfeige
Die pädagogischen Hilfestellungen von Peter für Steffi Graf dienten als Vorbild. Hatte zum Beispiel ein sehr talentierter Mitspieler meiner Mannschaft nicht wenigstens ein Tor erzielt, so wurde er von seinen Eltern auf der Heimfahrt mit Missachtung gestraft, und wenn er dann auch noch "patzig" wurde, oder der Vater wenigstens den Eindruck hatte, gab es schon mal eine saftige Ohrfeige.
Oft waren die Eltern ehrgeiziger als die Kinder und befanden sich darüber hinaus auch noch in einem Wettstreit mit anderen Eltern, in dem es dann meistens darum ging, welcher Junge die besseren Fußballschuhe oder die größere Sporttasche besaß.
Beleidigte Erziehungsberechtigte
Zeichnete sich im Laufe der Jahre dann immer mehr ab, dass ihre Söhne wohl eher eine Karriere als Einzelhandelskaufmann oder Kfz-Mechaniker vorziehen würden, kam es nicht selten vor, dass beleidigte Erziehungsberechtigte sich in Ausreden flüchteten. Wenn ich mal nachbohrte, warum der Ingo, Jens oder Michael kein Fußball mehr spielten, musste ich mir irgendetwas von schulischen Problemen anhören.
Einige unentwegte Jungen schafften trotzdem den Sprung in die Bundesliga. Und wahrscheinlich, liebe Leser, haben Sie sich auch schon des öfteren Gedanken über die zunehmend aggressive Spielweise vieler Fußballprofis gemacht.
Damit können Sie jetzt aufhören, denn der Grund des Übels könnte darin bestehen, dass Mama und Papa mal wieder zu Besuch sind und sich dann gerne das Ergebnis ihrer liebevollen Erziehung vor Ort anschauen möchten.