Logbuch eines Fußballprofis: Wir bleiben drin! - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Wir bleiben drin!

Die Kolumne des Rostocker Fußballprofis Christian Brand. Teil 16: Das Saisonfinale auf Schalke, der Nicht-Abstieg und ägyptischer Nachhilfeunterricht in der Roger-Whittaker-Disco.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

22.05.2000 - Jetzt ist sie also eingetreten: die Situation, die es unbedingt zu vermeiden galt. Die Frage, ob Hansa Rostock auch im nächsten Jahr noch in der 1. Fußballbundesliga spielt, wird erst am letzten Spieltag "auf" Schalke beantwortet werden können.

Die Vorzeichen für dieses Spiel sind mehr als ungünstig. Noch kein Auswärtssieg in der laufenden Saison, eine desolate Leistung am letzten Wochenende gegen Stuttgart - ein eindeutiger Abwärtstrend ist leider nicht zu leugnen.

Wie bekommt man die Köpfe vor einem so entscheidenden Match wieder frei? Ganz einfach, man geht während der Woche mit der gesamten Mannschaft Golf spielen (in diesem Fall wahrhaftig und nicht am Laptop) und reduziert das Training auf das Nötigste.

In meinem noch so "unbeschwerten" und "glücklichen" Leben kam das Wort Zukunftsangst eigentlich höchst selten vor, in dieser Woche jedoch habe ich mich etliche Male gefragt: Was ist eigentlich wenn...? Was, wenn wir tatsächlich absteigen sollten. Wieder den Club und die Stadt wechseln, um weiter in der Bundesliga spielen zu können? Wieder von vorne beginnen? Nein, das will ich nicht und deshalb will ich, so der Herr (Zachhuber) will, alles geben, um dem Abstieg erneut von der Schippe zu springen.

Und man mag es kaum glauben, der Herr (Zachhuber) hat meine Gebete erhört und teilt mir am Freitagabend mit, dass mein Einsatz durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Wie kann ich es dem Herrn (?) nur danken?

Das Spiel

Kurz vor dem Anpfiff blicke ich in die angespannten, aber auch hochkonzentrierten Gesichter meiner Mitspieler. Ein letztes Mal schaue ich noch in die Hansa-Fankurve und denke: Was "die" jetzt wohl denken.

Dann endlich läuft das Spiel, und heute scheint ein guter Tag zu sein. Wir haben gleich zu Beginn ein paar ganz gute Torchancen und unter gütiger Mithilfe von Thomas Waldoch erzielt Victor Agali nach 25 Minuten das 1:0, was aber bei uns ja bekanntermaßen nicht viel zu bedeuten hat.

Zwischendurch schiele ich immer mal wieder zur Anzeigetafel, um herauzufinden, wie es wohl bei unseren Abstiegskonkurrenten aus Frankfurt und Ulm im direkten Duell steht - und siehe da: Frankfurt führt. Ulm wäre damit abgestiegen, wir hätten die Klasse erhalten, da lässt es sich gleich noch mal so gut spielen. Ein Kopfball von mir verfehlt nur knapp das Ziel. Mit unserer Führung gehen wir in die Pause, zwischenzeitlich hat Ulm den Ausgleichstreffer erzielt. Wir sind immer noch erstklassig.

In der zweiten Hälfte spielen wir weiter ganz ansehnlich und mir gelingt mit einem direkt verwandelten Freistoß in der 56. Minute die 2:0 Führung, aber auch das bedeutet bei uns natürlich immer noch nichts - ich darf da nur an die am Ende noch vergeigte 2:0-Führung in Kaiserslautern erinnern.

Immer häufiger schaue ich jetzt zur Stadionuhr und wünsche mir nichts sehnlicher als den erlösenden Schlusspfiff herbei. Die Zeit vergeht mir viel zu langsam, während ich immer wieder an das Kaiserslautern-Spiel denken muss. Erst als der Schiedsrichter abpfeift, glaube ich wirklich, dass wir die Partie gewonnen haben. Eine unbeschreibliche Erleichterung breitet sich in mir aus und auch meine Kollegen samt des "Herrn" scheinen Ähnliches zu empfinden: Alle haben sich unendlich lieb und liegen sich freudestrahlend in den Armen.

Ja, so ist das. Alles vergeben und vergessen, zumindest für die nächsten Stunden. Bereits auf dem Rückflug nach Rostock verfolge ich gespannt die Wirkung des Alkohols auf meine Mannschaftskameraden, während ich versuche, mich mit dem aus Ägypten stammenden Kollegen Emara in dessen Heimatsprache zu unterhalten. Wir feiern die ganze Nacht in einer Discothek weiter, in der der DJ in Normalfall ganz offensichtlich 60-jährige Roger-Whittaker-Fans bespaßt. Aber auch das ist mir an diesem Tag fast egal.