Logbuch eines Fußballprofis: Zerstochen und erschöpft - DER SPIEGEL
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Logbuch eines Fußballprofis Zerstochen und erschöpft

Einen knappen Monat ist es noch bis zum Beginn der Fußball-Bundesligasaison - SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Christian Brand ist mit seinem Club Hansa Rostock ins Ostsee-Trainingslager eingerückt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mein Körper sendet mir unentwegt Signale nicht so schnell zu laufen. Meine Oberschenkel schmerzen und die Wadenmuskulatur nimmt allmählich die Konsistenz einer Betonplatte an. Noch vor acht Tagen hätte ich diese Signale beachtet und wäre ohne Umwege zur nächsten Strandbar in meinem Urlaubsort gejoggt.

Aber nichts ist mehr wie es mal war. Ich bin zurück im wirklichen Leben. Und das besteht seit fünf Tagen aus nichts anderem als einem Lauftrainingslager in der Nähe eines Ostseebades. Nicht dass ein Trainingslager, welches ausschließlich nur aus "durch den Wald hetzten" besteht, nicht schon genug der Quälerei wäre.

Ungefähr 163.000 Mücken

Nein, denn sobald sich meine Arbeitskollegen und ich uns unserer täglichen Laufstrecke nähern, nehmen ungefähr 163.000 Mücken ebenfalls ihre Arbeit auf und scheinen nur ein Ziel zu haben. Sie wollen uns aussaugen und unseren sowieso schon dem Verfall nahen Körpern den finalen Todesbiss geben.

Ich schlage wie wild um mich, um den Bestien zu entkommen, ich baue Tempowechsel ein, um sie zu verwirren, ich versuche sie durch sinnloses Gerede einzulullen, ich schreie sie an, hetzte sie auf meine Mitspieler, verfluche in meinen Gedanken unseren Trainer, der skrupellos genug war, uns in diese Hölle zu schicken. Wie lange muss ich noch laufen? Wann ist es vorbei?

Ich winsele um Flüssigkeit

Nach unzähligen Minuten und noch mehr Mückenstichen kann ich durch einen Schleier der Benommenheit unseren Busfahrer am Waldessaum erkennen. Irgendjemand spricht mich an, aber ich kann und will in diesem Augenblick nicht antworten. Jetzt, wo die Rettung so nah ist, konzentriere ich mich auf die letzten Meter und falle endlich, - zerstochen und erschöpft - vor unserem Mannschaftsbus auf die Knie und winsele um Flüssigkeit.

Viele Waldläufe später sitze ich in einem Strandkorb, blicke aufs Meer und genieße den freien Nachmittag. Zu meiner linken steht ein Glas frisch gepresster Orangensaft und ringt erfolglos um meine Aufmerksamkeit. Denn meine Blicke wandern immer wieder in Richtung Sand, zu meinen Füßen liegt eine kleine gelbe Flasche mit roter Aufschrift: "Autan" gegen Zecken und Mückenstiche.

Kumpel "Autan"

Ich weiß nicht, wie "Autan" in mein Zimmer gelangt ist. Es ist mir auch egal. "Autan" war einfach da und ist seit ein paar Tagen mein bester Freund. Zwar kann es nichts mehr gegen die 32 Bisswunden an meinem Körper tun, doch es bemüht sich wenigstens, meine Haut am Ende dieses Trainingslagers nicht zu einem einzigen großen Mückenstich werden zu lassen. Danke, "Autan".