Lorenz-Günther Köstner "Das Blabla um Bier und Würste kann ich nicht mehr hören!"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Köstner, wie fühlt man sich als "Zünglein an der Waage" im Kampf um die Deutsche Meisterschaft?
Lorenz-Günther Köstner: Was jetzt abläuft, sind die typischen Medienspielchen. Das berührt mich nicht. Die Bayern sind absolute Profis, wie die Leverkusener auch, und sie wissen, dass ihnen nur noch ein Fünkchen Hoffnung bleibt. Also schüren sie dieses Fünkchen, und selbstverständlich antwortet Leverkusen darauf. Hoeneß und Hitzfeld hier, Calmund und Daum dort verstehen nicht nur das Fußball-, sondern auch das Geschäft mit den Medien. Das ist okay, stört uns aber nicht. Die Leverkusener wissen zwar, dass wir uns nicht hängen lassen werden, sie sind aber auch so selbstbewusst zu sagen "Zu 99,9 Prozent sind wir durch. Wir fahren dahin und lassen uns den Titel nicht mehr nehmen". Aber auf das winzige Prozentpünktchen hinter dem Komma, darauf hoffen die Bayern.
SPIEGEL ONLINE: Mit Christoph Daum verbindet Sie mehr als ein nur kollegiales Verhältnis. 1992 wurden Sie als sein Assistent Meister mit Stuttgart. Gönnen Sie ihm den Titel eher als den Bayern?
Köstner: Nein, ich denke sportlich: Wer am letzten Spieltag Erster ist, der hat sich das auch verdient. Egal ob der Meister dann Leverkusen oder Bayern heißt.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Spieler, etwa Ludwig Kögl oder Markus Oberleitner, würden aber wohl lieber die Bayern als Meister sehen...
Köstner: Man sollte nicht jedes Wort, dass einer der Jungs sagt, auf die Goldwaage legen. Unsere Spieler und die Spieler der Bayern kennen sich natürlich ganz gut. Man trifft sich schon auch mal, wenn man in München ausgeht. Da mag es schon sein, dass die Sympathien eher auf Seiten der Bayern liegen. Dennoch werden meine Spieler die ersten sein, die anerkennen, dass Leverkusen ein verdienter Meister ist, wenn es denn so kommen sollte. Jeder, der Fußballverstand hat, weiß, was Leverkusen geleistet hat in der Rückrunde.
SPIEGEL ONLINE: Franz Beckenbauer betont, dass man Haching stets geholfen habe und dass es nun an der Zeit sei zurückzuzahlen. Eine Sportzeitschrift vermutet gar, dass Bayern im Erfolgsfall einige Spieler an die Spielvereinigung abgeben würde...
Köstner: Bayern hat uns vor einigen Jahren in der Tat sehr geholfen, als sie Spieler wie Markus Oberleitner verpflichtet und mehr gezahlt haben, als vielleicht nötig gewesen wäre. Damals benötigte die Spielvereinigung Geld, um den Forderungen der Berufsgenossenschaft nachzukommen. Dass aber nun Spieler der Bayern zu uns kommen würden, ist doch Blödsinn. Die verdienen doch in einem Spiel für die Bayern mehr, als bei uns in einem ganzen Monat.
SPIEGEL ONLINE: Dann gibt es vielleicht doch eher Weißwürste und Bier, wie Uli Hoeneß in Aussicht stellt...
Köstner: Das ganze Blabla um Bier und Würste kann ich nicht mehr hören. Es ist kein Delikt und keine Bestechung, wenn man für einen Sieg etwas bekommt, auch der eigene Verein zahlt schließlich Siegprämien. Eine Niederlage kann man absichtlich herbeiführen, einen Sieg nicht, der hängt immer auch noch davon ab, ob der Gegner das zulässt. Weißwürste und Bier, da würde ich eher von Motivationshilfe sprechen.
SPIEGEL ONLINE: Die ist vielleicht auch nötig, schließlich geht es für Ihre Mannschaft am Samstag um nichts mehr...
Köstner: Für uns geht es darum, im letzten Spiel den hervorragenden Eindruck, den wir bis dato hinterlassen haben, nicht durch eine mangelhafte Einstellung zu trüben. Wir wollen uns keine Wettbewerbsverzerrung nachsagen lassen. Allerdings mag es unterbewusst eine Rolle spielen, dass wir eigentlich weder viel zu gewinnen noch etwas zu verlieren haben. Die Leverkusener dagegen können am Samstag in diesen 90 Minuten die Meisterschaft endgültig gewinnen. Da ist es doch nur logisch, dass diese Mannschaft mit einer ungeheuren Entschlossenheit antreten wird.