Magath-Helfer Eichkorn König der Co-Trainer
Jetzt kommen sie angeschlendert, die Stars des FC Bayern. Gesichter, die jedes Kind kennt: Ballack, Makaay, dahinter Scholl. Dazwischen verschwindet ein unscheinbarer Mann mit rotblonden Haaren. Alle schreiben hastig Autogramme, nur er kommt unbehelligt durch das Sperrgitter der Fans. Es ist Seppo Eichkorn, Cotrainer beim deutschen Fast-Immer-Meister, der Antistar unter den Supermännern. Viel weiß man nicht von ihm. Er ist der Mann, der Felix Magath nicht von der Seite weicht, der neben ihm auf der Bank sitzt, bemüht seine Bewegungen auf die des Chefs abzustimmen. Magath ist das Alphatier des FC Bayern, Eichkorn der Betatrainer.
Bevor Eichkorn 2004 mit Magath aus Stuttgart nach München kam, wurde sein Name selten mit Erfolgen verknüpft. Zugegeben, in Duisburg galt er mal für kurze Zeit als "Seppo Glücksfall", als er den hoffnungslosen MSV von einem Abstiegsplatz wegführte. Aber sonst verrichtete Eichkorn seine Arbeit unauffällig, und beim FC St. Pauli, wo er von 1987 bis 1994 als Jugend-, Co-, Interims- und Cheftrainer angestellt war, wundert man sich heute noch über seinen Werdegang. "Mensch Seppo", kriegt er immer wieder zu hören, "unglaublich, dass du bei den Bayern bist."
Auch der 49-Jährige hielt es lange Zeit für unmöglich, "dass ich als St.-Paulianer mal beim Klassenfeind lande". Aber die Erfahrungen im Fußballalltag haben die alten Denkkonstrukte vom verklärten Kiezclub einerseits und vom kaltherzigen Krösus andererseits längst zum Einsturz gebracht. Am Millerntor jedenfalls begann der Quereinstieg des Landwirtsohns aus Radolfzell am Bodensee in den Fußball. Nach drei Semestern hatte Eichkorn das Studium der Mathematik und Physik an der Universität Freiburg aufgegeben: "Ich bin ein emotionaler Typ, das war mir viel zu trocken."
Eichkorn zog nach Köln, um an der Sporthochschule seinen "Fußballlehrer zu machen". Ein mutiger Entschluss: Als Fußballer hatte er es gerade mal in die Verbandsliga geschafft. Als Helmut Schulte, damals Assistenztrainer bei St. Pauli, im Frühjahr 1987 anfragte, ob er als Jugendcoach nach Hamburg kommen wolle, sagte Eichkorn sofort zu. Schulte rückte wenige Monate später mit 30 zum Erstligatrainer auf, der ein Jahr ältere Eichkorn wurde zum ersten Mal Cotrainer, ohne zu ahnen, dass er einmal als Idealtyp dieses Berufsstandes gelten sollte. Die damaligen Singles Schulte und Eichkorn kannten nur Fußball und St. Pauli. "Es war ein ganz intensives Erleben. Aufstieg in die erste Liga 1988, diese Euphorie, wild und leidenschaftlich, politisch links, das war absolut meine Welt."
Schulte wurde 1991 entlassen, der "geschockte" Eichkorn unterdrückte den ersten emotionalen Reflex, aus Solidarität mit dem Geschassten zu kündigen: "Ich hatte eben geheiratet, hatte Familie und Verantwortung." Damals entwickelte Eichkorn die Fähigkeit, sich "gut in die Vereine reinzudenken und auch in die Trainer, um die zu unterstützen". Er ist ein präziser Analytiker, auf dessen Dienste ungern verzichtet wird: Eichkorn gelang es fast immer, seine Cheftrainer zu überleben und vom Nachfolger als Cotrainer akzeptiert zu werden. Selbst mit Friedhelm Funkel, der anfangs "große Vorbehalte" gegen ihn hatte, arbeitete er vier Jahre in Duisburg zusammen.
Aber Opportunismus und Karrieresprünge auf Kosten anderer sind nicht Eichkorns Sache, er möchte lieber altmodisch wirken als auf einen "anständigen Umgang" zu verzichten. Als Funkel im März 2000 entlassen wurde, lehnte Eichkorn die Beförderung zum Cheftrainer ab, "weil ich seine Arbeit für sehr gut erachtet habe". Als Interimscoach "das musste ich laut Vertrag machen" brachte er die Saison zu Ende, um dann Wolfgang Frank als Cotrainer zu unterstützen. "Diese Position ist ihm absolut auf den Leib geschneidert", schwärmt Schulte und betont Eichkorns "Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und enormes Fachwissen".
Was Schulte unterschlägt, ist die unerschütterliche Loyalität, die der Cotrainer Eichkorn seinen Vorgesetzten entgegenbringt. Als Frank seinen Profis beim MSV Duisburg zu vermitteln versuchte, dass auch frisch geschnittene Ingwerwurzeln den Zugang zum Erfolg bedeuten könnten, stießen Profis wie Jörg Neun, von Haus aus gelernter Kopfschlächter, an ihre Verständnisgrenzen. Auch Eichkorn zweifelte an der Wirksamkeit dieser Methode, was ihn nicht daran hinderte, sie zu propagieren: "Ich muss den Chef unbedingt unterstützen, auch wenn ich etwas seltsam finde. Die Mannschaft spürt Differenzen zwischen den Trainern."
Hört man Eichkorn länger zu, muss man diese Frage stellen: Sind Cotrainer überhaupt eigenständige Wesen oder Marionetten ihrer Vorgesetzten, denen sie bis zur Aufgabe der eigenen Persönlichkeit dienen? "Pah", prustet Eichkorn unwirsch, "selbstverständlich ist es wichtig, was ich denke. Wenn ich mit Trainer und Manager zusammensitze, ist es auch meine Aufgabe, konträre Meinungen zu vertreten." Eichkorn wird unterschätzt, wenn man ihn als dienstfertigen Geist abtut, als blassen Zuarbeiter mit Helfersyndrom: Bei seinen Intermezzi als Cheftrainer bei St. Pauli und Duisburg legte er sich mit Management und Präsidium an. "Es wurde mir vorgeworfen, dass ich ein Sturkopf bin. Aber wenn mir nicht vertraut wird, muss man mich entlassen."
Eine ausgeprägte Hartnäckigkeit
Warum nur eckt der umgängliche und diplomatische Assistent an, sobald er zum Chef befördert wird? "Ich wollte immer Cheftrainer werden. Vielleicht ist die Sturheit, dass dann alles auf meine Art und Weise gehen muss, eine Schwäche." Eichkorn hat sich inzwischen "soweit analysiert, dass ich nicht unbedingt der Chef sein muss. Man muss auch die Möglichkeiten abwägen, die man hat." Eichkorn weiß, dass die Leisen in der Branche, denen das Stigma des Unscheinbaren anhaftet, gerne überhört und übersehen werden. "Ich bin kein Glamour-Typ. Ich bin gerne im Hintergrund, mit einem gewissen Misstrauen. Das sind Charaktereigenschaften, die in der Außendarstellung behindern können."
Extravaganz kennt der knorrige Rotschopf nicht; was ihn auffällig macht, egal auf welcher Position, ist eine ausgeprägte Hartnäckigkeit. Die musste er auch ausbilden, um die vielen Widerstände zu überwinden, die ihm den Zugang zum Fußball verwehrten: Erst mit 17 Jahren durfte der Abiturient in den SV Gallmannsweil eintreten. Unter der Woche musste er in der Landwirtschaft anpacken, am Sonntag kniete er in der Kirche, wenn andere dem Ball nachjagten. "Wenn meine Brüder und ich uns einen Ball zusammengespart hatten, wurde der auch mal versteckt." Die Eltern, die erwartet hatten, dass er als Tierarzt oder Pfarrer praktiziert, musste er enttäuschen. "Ich musste von zu Hause weg, um das machen zu können, was mir Spaß macht."
"Nicht Besonderes, mit Ballack zu reden"
Heute steht Seppo Eichkorn mit Michael Ballack und Oliver Kahn auf dem Platz und gibt Anweisungen. Beim FC St. Pauli geriet er noch ins Stottern, wenn zu viele Kameras auf ihn gerichtet waren. "Es ist nichts Besonderes für mich, mit Ballack zu reden. Das zeigt die Entwicklung, die ich genommen habe." Sie scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Immer öfter springt Eichkorn von der Bank auf, gestikuliert, schreit und jubelt, während Magath regungsarm auf der Bank sitzt und guckt, als ob er nicht dazu gehöre.
Wird aus Eichkorn noch ein Alphatier? Im Mannschaftsbus der Bayern legt er sich sogar mit seinem Chef an, wenn es darum geht, den kürzesten Weg ins Stadion zu finden. "Ich habe den Ruf, auf der Straße alles besser zu wissen", sagt er und beginnt zu lachen, schallend, bis das Gesicht in viele kleine Falten zerfällt. Es dauert lange, bis er sagt: "Ich kann nicht ausschließen, dass ich noch mal als Chef arbeite." Es ist ein Gedanke, der ihm gut zu gefallen scheint.