"Mail aus Mali": Kleines dickes Milla - DER SPIEGEL
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"Mail aus Mali" Kleines dickes Milla

Die tägliche Kolumne zum Afrika-Cup bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Wie es ist, wenn der afrikanische Fußballheld Roger Milla Hof hält und man bei der Audienz dabei sein darf.
Von Eduard Augustin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Salif Keita, Abedi Pelé, Larbi Ben M'Barek, George Weah! Die großen Helden des afrikanischen Fußballs. Die Unsterblichen. Die wahren Stars. Es gibt nur einen Namen, der hierzulande mehr Respekt genießt - und der, der ihn trägt, den darf ich heute treffen.

Ein kleiner Mann im zartblauen Poloshirt nimmt seine riesengroße Oakley-Brille ab, sieht sich kurz um, grüßt in die Runde und sagt "Hi, I'm Roger!" Roger Albert Muller, genannt "Milla", ist eine lebende Legende. Der "Player of the century", zu dem ihn das britische Magazin "African Soccer" kürte, versteht es, sämtliche Aufmerksamkeit sofort auf sich zu ziehen.

So wird aus einem Kurzbesuch im Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft Kameruns auf einmal ein Empfang für den ungekrönten König mit den kurzen Beinen. Spieler, Funktionäre und Minister stehen voller Ehrfurcht für ein Erinnerungsfoto mit der Lichtgestalt an. Der ehemalige Kapitän der "Unzähmbaren Löwen", dessen Teilnahme an seiner dritten Weltmeisterschaft 1994 in den USA zur Staatsaffäre wurde, als der Präsident der Republik Kamerun wie schon 1990 darauf bestand, ihn in den Kader aufzunehmen, macht seinen Antrittsbesuch beim Pressetross der 23. Afrika-Meisterschaft.

Wie alt denn Milla jetzt wohl sei, frage ich den Kollegen vom BBC World Service, Martin Davies, der als Experte gilt und es wissen müsste. Doch auch der ist sich nicht sicher. "48 wird behauptet, aber keiner kann das genau sagen", erklärt Davies, "Roger Milla weiß es selbst nicht ganz." Das passt, das gehört dazu, zum Bild einer Legende. Ich kann mich gut daran erinnern, wie er damals bei der WM 1990 in Italien an der Eckfahne steht und die Hüften kreisen lässt, als er erneut getroffen hat. Und damit wohl der Erste ist, der aus dem Jubel nach dem Tor den Tanz kreiert, der seitdem in allen Varianten weltweit üblich ist. Die umarmte Traube ist passé, Milla ist der Erfinder des Torjubels der Moderne.

Stars wie er fehlen heutzutage dem afrikanischen Fußball. Wenn George Weah nach dem CAN 2002 abtritt, wird es arm an großen Namen. Ich drängele mich kurz vor, um näher dran zu sein. Wer denn nach ihm komme, wird Milla gefragt. "Nun ja", sinniert der berühmte Kicker. "Nun ja", wiederholt Milla und grinst durch seine berühmte Zahnlücke: "Afrika hat immerhin Zidane." Und außerdem: "Ich glaube, dass es noch eine Menge junger Talente zu entdecken gibt. Die Scouts der großen europäischen Vereine, die hier überall durch die Gegend laufen, sind doch nicht nur gekommen, um sich einen Sonnenbrand zu holen!"

"Coupe d'Afrique wichtiger als WM"

Kamerun ist als Titelverteidiger in Mali. "Das Team ist bestens vorbereitet, den Sieg zu wiederholen. Wir wollen uns hier doch nicht nur auf Japan vorbereiten", sagt Milla, "für uns Afrikaner ist der CAN fast wichtiger als die WM. Wenn ich die Wahl hätte, zwischen einem Endrundenplatz im Juni und dem Sieg hier in Bamako, würde ich den Coupe d'Afrique doch deutlich vorziehen."

Ob die Tatsache, dass sie mit Winfried Schäfer einen europäischen Trainer haben, sie noch stärker macht, bezweifelt Milla: "Das ist doch nicht entscheidend. Gewonnen wird auf dem Platz. Und wer einen schlechten Tag erwischt, dem ist auch von der Bank aus nicht zu helfen." Aber wenn es im Juni bei der WM in Japan und Südkorea gegen Deutschland geht, dann ist es doch von Vorteil, dass Schäfer Deutscher ist, insistiere ich. Doch Milla widerspricht: "Ich hab's schon mal gesagt: Die Mannschaft alleine muss ein Spiel entscheiden, der Trainer hat da keinen Einfluss mehr." Ein Beispiel gefällig? Milla spricht.

"Ich selbst stand 1994 gegen Russland auf dem Feld, und unser Trainer Valery Nepomniachy war ein Russe. Hat uns das geholfen? Nein, ich erlitt mit 1:6 die schlimmste Niederlage meiner Karriere und war fast alleine Schuld, dass wir so hoch verloren", sagt Roger Milla und verdreht die Augen, "ich habe nicht mal einen Scheck aus Moskau dafür erhalten."