Mainz vs. Dortmund: Gipfel der Emotionen - DER SPIEGEL
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Tuchel und Klopp: Trainer-Vulkane an der Linie

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Mainz vs. Dortmund Gipfel der Emotionen

Mainz gegen Dortmund, Erster gegen Zweiter: Das Aufeinandertreffen zwischen dem FSV und dem BVB ist mehr als nur das Bundesliga-Spitzenspiel. Es ist auch das Duell Thomas Tuchel gegen Jürgen Klopp. Zwei Trainer, die so vieles gemeinsam haben und doch so verschieden sind.
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Es war im Frühjahr 2009, als sich die beiden Männer in einer Mainzer Kneipe das erste Mal über den Weg liefen. Jürgen Klopp, damals in seinem ersten Trainerjahr bei Borussia Dortmund, war zu Besuch in seiner alten Heimat, als er Thomas Tuchel, zu jener Zeit Coach der FSV-A-Junioren, kennenlernte. Vorgestellt hatte sie einander ein gemeinsamer Bekannter aus der Mainzer Jugendabteilung. Klopp blieb Tuchels "komische Wollmütze" in Erinnerung und dass sein Gegenüber "schlecht rasiert" war. Das Treffen war zufällig und dauerte nur eine Minute, dann verabschiedeten sich Klopp und Tuchel voneinander.

Nun treffen sich die beiden in Mainz wieder. Doch abgesehen von Tuchels Bartflaum ist kaum etwas mehr so wie vor anderthalb Jahren.

Klopp gastiert mit Dortmund am Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Bruchwegstadion bei Mainz mit Coach Tuchel. Diese Konstellation hatte es auch schon in der vergangenen Saison gegeben, nicht aber unter diesen Vorzeichen. Der Tabellenführer empfängt seinen direkten Verfolger zum Gipfeltreffen.

FSV gegen BVB: Es ist auch das Duell der Trainer. Auf der einen Seite Tuchel, der neue Mainzer Liebling, auf der anderen Klopp, den sie in Mainz noch immer verehren. Zwei Trainer, die sportlich ähnlich denken und an der Linie die pure Emotionalität verkörpern, die auf den zweiten Blick aber ganz unterschiedliche Typen sind. Und die beide überraschend Bundesliga-Trainer wurden.

Es war der 26. Februar 2001, Zweitligist Mainz steckte damals tief im Abstiegskampf und FSV-Manager Christian Heidel machte nach der Entlassung von Eckhard Krautzun kurzerhand Klopp vom Verteidiger zum Trainer. "Eine reine Bauchentscheidung", wie Heidel später zugab - aber eine richtige. Klopp übernahm den FSV auf einem Abstiegsplatz, rettete ihn, führte den Club 2004 in die Bundesliga und prägte die Marke Mainz 05 wie kein Zweiter. 2007 stieg er mit Mainz wieder ab, was seiner Popularität jedoch nicht geschadet hat. Nach dem verpassten Wiederaufstieg 2008 ging er als etablierter Trainer zu Borussia Dortmund.

In Mainz haben sie Mut zu unpopulären Entscheidungen

Im Sommer 2009 fällte Heidel eine ganz ähnliche Entscheidung, auch wenn sie dieses Mal nicht spontan war, sondern "die überlegteste, die ich je getroffen habe". Wieder beförderte er einen Mann zum Bundesliga-Coach, den kaum jemand auf dem Zettel hatte - Thomas Tuchel, der kurz zuvor Deutscher Meister mit den Mainzer A-Junioren geworden war.

"Klopp oder Tuchel zum Cheftrainer zu machen, war nur möglich, weil wir in Mainz Mut zu unpopulären Entscheidungen haben", sagt Heidel. Eine davon war auch, Klopp-Nachfolger Jörn Andersen nach nur einem Jahr zu entlassen, obwohl dieser Mainz zurück in die erste Liga geführt hatte. Der eigensinnige Norweger musste am 3. August 2009 gehen, kurz vor dem ersten Saisonspiel, "weil wir Mainz plötzlich nicht mehr erkannt haben", so Heidel.

Ausstrahlung, Ehrlichkeit, Loyalität: Das sind die Eigenschaften, die sie in Mainz von ihren Trainern erwarten. Vor allem aber müssen sie Teamplayer sein, sich einhundertprozentig mit dem Verein identifizieren. Es ist bemerkenswert, dass Tuchel all das verinnerlicht hat und vorlebt, wie auch Klopp dies seinerzeit getan hat, obwohl beide in Mainz nie miteinander gearbeitet haben. Als Klopp den Bruchweg verließ, kam Tuchel erst als Jugendtrainer vom FC Augsburg zum FSV.

Auch sportlich haben die beiden Trainer ähnliche Vorstellungen. Beide propagieren das frühe Attackieren des Gegners, setzen daher auf eine gute Physis ihrer Spieler. Beide fordern von ihrem Team auf dem Rasen Emotionen und Leidenschaft.

Tuchel sieht die vielen Vergleiche mit Klopp gelassen

Vor allem aber haben Tuchel und Klopp stets ein Konzept, wie ihr Team dem Gegner begegnen soll. Freilich haben auch andere Bundesliga-Trainer eine am Gegner ausgerichtete Taktik. Aber keine andere Mannschaft setzt diese Vorgaben in der bisherigen Saison so gut um wie der FSV und der BVB. Der Spitzenreiter hatte vor diesem Spieltag mit 19 Treffern die zweitbeste Offensive und gemeinsam mit dem FC Bayern die zweitbeste Defensive (8 Gegentore) der Liga. Besser in Angriff (21) und Abwehr (7) ist nur ein Club - Borussia Dortmund.

Was beide Trainer zudem eint: Sie vertrauen der Jugend, sind mit Talenten erfolgreich. In Mainz, wo Spieler wie André Schürrle (19 Jahre alt), Adam Szalai (22) und Lewis Holtby (20) Aufsehen erregen, haben sie aufgrund der bescheidenden finanziellen Mittel keine andere Wahl, können keine teuren Spieler anderer Vereine abwerben. So musste schon Klopp in Mainz denken und arbeiten, setzt dies auch in Dortmund fort. Nicht nur, weil der BVB aufgrund seiner in der Vergangenheit angehäuften Schulden kaum große Transfers tätigen kann, sondern weil Klopp in Mainz gelernt hat, dass man auch mit jungen Spielern sehr erfolgreich sein kann. Bei der Borussia sorgen seit Klopp Neven Subotic (21), Marcel Schmelzer (22), Mats Hummels (21), Nuri Sahin (22) und Kevin Großkreutz (22) für Furore.

All diese Gemeinsamkeiten von Tuchel und Klopp, ergänzt durch die Tatsachen, dass beide gerne leger in Trainingshose und Kapuzenpulli an der Seitenlinie stehen und auch Klopp kein Verfechter der täglichen Gesichtshaarpflege ist, hat das Bild von den "Trainer-Zwillingen" geprägt. Die "Welt" schrieb sogar einmal: "Tuchel wirkt wie ein geklonter Klopp."

Tuchel selbst sieht all diese Vergleiche mit seinem Vor-Vorgänger gelassen. "Ich stehe ja nicht im Verdacht ihn nachzumachen", sagte er dem "Tagesspiegel". Mainzs langjähriger Torwart Dimo Wache, der mit und unter Klopp gespielt hat und auch unter Tuchel trainierte, sagt: "Thomas ist keine Kopie von Kloppo. Er hat seinen eigenen Stil." Auf den Punkt brachte es Heidel, der beide exzellent kennt: "Kloppo ist der extrovertierte Typ und schlagfertig. Thomas hingegen braucht die Öffentlichkeit gar nicht, er ist nicht scharf darauf, im Mittelpunkt zu stehen", sagte der FSV-Manager dem "kicker".

Als Tuchel wieder einmal auf Klopp, dessen Zeit in Mainz und Parallelen zu seiner eigenen Arbeit angesprochen wurde, antwortete er ungewohnt offen: "Jürgen Klopp hat in Mainz eine Ära geprägt. Mein Wunsch ist es, das auch zu schaffen - aber auf meine Art."