Mainzer Jubel, Schalker Debakel Ball paradox
Schalke-Torwart Neuer: Ratlos nach der Pleite gegen den Erzrivalen
Foto: dapdHätte jemand vor Beginn dieser Saison behauptet, dass Mainz 05 und Schalke 04 nach dem vierten Spieltag 17 Tabellenplätze auseinander liegen, wäre der Aufschrei vermutlich nicht übermäßig laut ausgefallen. Immerhin wies der Auftakt für das Team von Thomas Tuchel mit den Spielen gegen Stuttgart, in Wolfsburg und in Bremen gleich drei nominelle Spitzenmannschaften als Gegner auf. Außerdem ging es im Derby noch gegen den 1. FC Kaiserslautern, und bekanntlich kann so etwas immer schiefgehen.
Ein Fehlstart mit mauer Punktausbeute und der Sturz ans Tabellenende wären also nicht ganz unvorstellbar gewesen, während Schalke 04 als Tabellenzweiter der Vorsaison, frisch mit Weltstars bestückt, die Spitze ansteuern wollte.
Nun liegen Mainz und Schalke nach vier Spieltagen tatsächlich 17 Plätze auseinander, nur eben in umgekehrter Reihenfolge.
Nachdem Mainz alle zwölf möglichen Punkte geholt hat und Schalke noch keinen einzigen, sieht die Bundesliga-Tabelle plötzlich so aus, als hätte sich der Fußballgott einen Streich erlaubt. Überdies könnte man meinen, er wollte seinen Schabernack mit einer klassischen Fußballweisheit treiben. "Die Tabelle lügt nicht", heißt es. Doch im Moment stellt sich die Frage, was für eine Wahrheit sie nach dem vierten Spieltag eigentlich verkündet.
Ist Mainz etwa auf Meisterkurs und Schalke plötzlich ein Abstiegskandidat?
Professionelle Statistiker werden angesichts solcher Analysen aufstöhnen. Vier von 34 Spieltagen bedeuten schlichtweg eine zu geringe Datenmenge. Allerdings werden die Experten nach dem schlechtesten Saisonstart in der Bundesliga-Geschichte der Gelsenkirchener langsam etwas vorsichtiger werden.
Schalkes löchrige Defensive
Bei der 1:3-Niederlage im Lokalderby gegen Borussia Dortmund umwehte Schalke schließlich durchaus ein Hauch von Abstieg. Nicht nur hätte das Ergebnis deutlich höher ausfallen können. Man hat auch seit Jahren keine so zusammenshanglose Schalker Mannschaft gesehen. Sie wirkte wie eine zufällige Versammlung von elf Spielern, die sich eine Viertelstunde vor Anpfiff zum ersten Mal getroffen haben.
Unter Schock starrten die Schalker Fans auf dieses königsblaue Elend und fragten sich, wie daraus in den kommenden Wochen ein konkurrenzfähiges Team entstehen soll. Mit seiner zerfledderten Defensive ist S04 momentan jederzeit für ein Gegentor gut, entsprechend verunsichert tritt die Mannschaft auf.
Bei Bayer Leverkusen kann Felix Magath nachfragen, wie das ist, wenn man aus höchsten Höhen abzugleiten beginnt. Wenn die Mannschaft dem Sog nach unten kaum mehr etwas entgegenzusetzen hat und ein ganzer Club in den Panikmodus verfällt. Man erinnere sich: 2003 rettete sich Bayer als Vizemeister und Finalist der Champions League nur knapp vor dem Abstieg. Mit dem 1. FC Nürnberg stieg 1969 sogar der amtierende Deutsche Meister ab.
Doch bei aller Tristesse: Schalke jetzt schon als Abstiegskandidaten zu handeln, wäre ebenso falsch, wie Mainz zum Meisterschaftsanwärter zu küren. Allerdings gibt es Tendenzen: So wenig wie die Schalker nur vom Pech verfolgt werden, hat den Aufsteiger des Vorjahres eine Laune des Spielplans oder schieres Glück an die Tabellenspitze gespült. Tuchel scheint die sensationelle Leistung der vergangenen Spielzeit, als der Club mit einem der kleinsten Personaletats der Bundesliga den neunten Platz belegte, nach dem besten Saisonstart der Vereinsgeschichte erneut zu bestätigen - oder vielleicht noch zu übertreffen.
Mainzer testen gegen das eigene Jugendteam
Dabei könnte Mainz als Gegenmodell zu Schalke durchgehen. Anstatt eine gigantische Transferdrehscheibe zu betreiben, arbeitet Tuchel kontinuierlich mit den Spielern, die er hat. Mit seinem Team analysiert er die Gegner genau und bereitet die Spieler detailliert auf das vor, was sie in den Spielen erwartet. Das geht so weit, dass die Mainzer Jugendmannschaft schon mal als Sparringspartner im Laufe der Trainingswoche die Spielweise der kommenden Gegner simulieren muss. Wie erfolgreich dieses Konzept sein kann, musste Bremen bei der Heimpleite gegen die Mainzer erkennen.
Der nächste Gegner der Mainzer, der 1. FC Köln kann also froh sein, denn er tritt schon am Dienstag (20 Uhr) am Bruchweg an. Da könnte es noch an der Zeit für den letzten Mainzer Feinschliff fehlen. Schalke indes wird sich über die kurze Pause bis zur Partie am Mittwoch (20 Uhr, beide Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Freiburg vermutlich eher freuen. Denn mit einem Spiel wie dem gegen Dortmund in den Beinen will niemand eine ganze Woche über den Trainingsplatz laufen müssen. Zumal, wenn ein schlechtgelaunter Felix Magath am Seitenrand steht.