Makelele-Interview: "Ein bisschen was von Klassenkampf" - DER SPIEGEL
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Makelele-Interview "Ein bisschen was von Klassenkampf"

Bei seinem letzten großen Turnier will es Claude Makelele, 33, noch einmal wissen. Schließlich war der Franzose noch nie Welt- oder Europameister. Im RUND-Interview spricht er über nervige Trainer, afrikanische Wurzeln und den unschönen Abschied aus Madrid.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Monsieur Makelele, lassen Sie uns zunächst ein wenig in die Vergangenheit blicken. Sind Sie über Ihren Vater zum Profifußball gekommen?

Makelele: Nein. Mein Vater war zwar zairischer Nationalspieler, ein Leopard, aber hat mich nie zum Fußball gedrängt.

Frage: Sprechen Sie mit ihm über Fußball?

Makelele: Nein, auch das nicht. Das wird Ihnen vielleicht seltsam vorkommen, aber als ich jung war, wurde mit meinem Vater nicht über Fußball gesprochen. Ich weiß, dass er ein sehr guter Spieler war, weil meine Onkels und Tanten immer zu mir sagen: "Ach, wenn du nur die Hälfte des Talents deines Vaters hättest." In Kinshasa bin ich der "Sohn des Fußballers". Aber wir sprechen weder über Fußball noch über seine Karriere.

Frage: Kehren Sie häufig in die Demokratische Republik Kongo zurück?

Makelele: Jedes Jahr, es sei denn, es geschieht etwas Unvorhergesehenes. Ich habe mir ein Haus in Kinshasa bauen lassen und fahre auch mit meinen Kindern dorthin, denn mir liegt daran, dass sie ihre Wurzeln kennen.

Frage: Auf welcher Position haben Sie früher gespielt?

Makelele: Ich war Mittelstürmer und bin mit dem Alter auf dem Platz immer weiter nach hinten gerutscht. Vermutlich werde ich hinter den Toren auf der Tribüne enden. Mit zunehmender Reife habe ich aufgehört, auf meine Trainer zu schimpfen, die mich zurückversetzten. Einem nach dem anderen muss ihnen klar geworden sein, dass ich die Qualitäten eines Scheibenwischers habe und mein technisches Rüstzeug und meine Fähigkeiten vor der Abwehr am besten eingesetzt werden.

Frage: Haben Sie denn früher mehr Tore geschossen als heute?

Makelele: Ich will nicht lügen: Ich war nie ein großer Torjäger. Schon gar nicht in der französischen Nationalmannschaft.

Frage: Welche Trainer haben Sie geprägt?

Makelele: Letztlich sind sie mir alle irgendwann einmal auf die Nerven gegangen, aber ich habe mir gesagt, dass mir das helfen würde, Fortschritte zu machen.

Frage: Ein bestimmter?

Makelele: Der mir auf die Nerven gegangen ist? Eigentlich alle ein wenig. Derjenige, der mich dafür am meisten geprägt hat, ist zweifelsohne Jean-Claude Suaudeau, unter dem ich beim FC Nantes gespielt habe, denn er war seiner Zeit voraus, revolutionär. Das ist er übrigens immer noch. Er ist mein Bezugspunkt. Kein Trainer, ein Lehrer. Ein Meister des Lebens. In Europa gab es niemanden, der seine Vorstellung vom Kurzpassspiel teilt, der uns wie er antrieb, auf diese Art schnell zu spielen. Die Erinnerungen, die ich aus dieser Zeit an ihn habe, drehen sich vor allem um seinen taktischen Unterricht. Mich hat er dabei nicht ausgelassen.

Frage: Weil Sie mit seiner Tochter ausgegangen sind!

Makelele: (Gelächter) Das ist mittlerweile Geschichte. Wir stehen uns noch nahe, telefonieren von Zeit zu Zeit miteinander. Sie hat inzwischen auch zwei Kinder.

Frage: Sie waren im französischen, spanischen und englischen Fußball erfolgreich – wie erklären Sie sich diese Beständigkeit?

Makelele: Ich passe mich leicht an. Selbst wenn mir manchmal nachgesagt wird, dass ich bei Olympique Marseille nicht so erfolgreich war wie bei Madrid, so hat mir diese Etappe doch geholfen und mich gestärkt. Ich glaube, dass ich da das erste Mal in meiner Karriere wirklich in Schwierigkeiten gesteckt habe.

Frage: Kommen wir auf Marseille zurück. Wie so viele ehemalige Spieler von Nantes, die aus der Schule von Suaudeau stammen, hatten Sie Probleme, sich an einen anderen Spielstil zu gewöhnen ...

Makelele: ... nein, es war nicht schwierig, sich anzupassen. Es geht eher um das Umfeld, die neuen Denkweisen. Deswegen meine ich, dass es mir geholfen hat. Ich brauchte sicher einige Etappen zwischen Nantes, dem Familienverein, und Real. Celta Vigo war zum Beispiel eine wesentliche Etappe. Dort bin ich ruhiger geworden, habe ich die Freude am Spiel und paradoxerweise zugleich meinen Ehrgeiz wieder gefunden. All diese Dinge, von denen ich den Eindruck hatte, ich hätte sie in Marseille nach meinen goldenen Jahren in Nantes verloren.

Frage: Madrid scheint Sie nicht ersetzen zu können und ist seit Ihrem Weggang nicht mehr so leistungsstark. Schmeichelt Ihnen das?

Makelele: Nein, das belegt einfach nur meinen Wert. Und lässt diejenigen schweigen, die versucht haben, das in Frage zu stellen.

Frage: Als Sie aus Madrid weggegangen sind, gab es eine Affäre um das große Geld. Sie waren der Ansicht, man würde Sie nicht gut genug bezahlen. Man muss es doch aber wohl nicht übertreiben.

Makelele: Es ging dabei mehr ums Prinzip und um Respekt als um Geld. Das ist ein bisschen wie bei den Jungendlichen, die in den Pariser Vorstädten revoltiert haben. Wenn du die Nase voll davon hast, dass man auf dir herumtrampelt, dass man dich wie Dreck behandelt und dich für ein Arschloch hält, dann machst du das zu einer Frage der Ehre. Also habe ich nein gesagt. Ich habe Real niemals schlecht gemacht, ich habe nur verlangt, dass man mir denselben Respekt zollt wie den anderen Spielern. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit.

Frage:  Das hört sich wie eine Gewerkschaftsparole an.

Makelele: Es hatte ein bisschen was von Klassenkampf, mal abgesehen davon, dass es sich bei den Summen natürlich nicht gerade um den Mindestlohn handelt. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich unanständig war. Außerdem hatte ich viele Verbündete. Es gab sogar Fans von anderen spanischen Vereinen, die mich unterstützt haben, andere Spieler, die selbst in ähnlichen Fällen keinen Erfolg hatten. Ich habe es auch ihrer Unterstützung zu verdanken, dass ich gehen konnte.

Die Fragen stellte Christine Sallès

Lesen Sie morgen im zweiten Tel des Interviews, wie es Claude Makelele beim FC Chelsea erging und wann er glaubt, Gott zu treffen.