Makelele-Interview: "Ich weiß, dass ich Gott treffen kann" - DER SPIEGEL
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Makelele-Interview "Ich weiß, dass ich Gott treffen kann"

Nach zwei schwachen Turnieren stehen die Franzosen bei der WM 2006 unter starkem Druck. Der ins Nationalteam zurückgekehrte Claude Makelele ist einer der Hoffnungsträger.  Mit RUND sprach der 33-Jährige über Millionengehälter, Ehrgeiz und seinen Glauben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Monsieur Makelele, nach der Trennung von Real Madrid, die Sie erzwangen, kamen Sie zum FC Chelsea. Können Sie sich an Ihr erstes Training erinnern?

Makelele: Ich habe geglaubt, ich müsse darum bitten, auf der Trage vom Platz gebracht zu werden. Alle fünf Minuten hat mich so ein Bulldozer über den Haufen gerannt. Das war ein gewaltiger Unterschied zu Real. Das habe ich schmerzhaft lernen müssen.

Frage: Erzählen Sie uns etwas von den Methoden des Chelsea-Coaches José Mourinho?

Makelele: Er verlangt einfach Disziplin, Strenge und Respekt von uns. Mourinho hat keine seelische Bindung an die Spieler, nur die Mannschaft zählt. Und natürlich sind die Ergebnisse wichtig. Er ist immer direkt. Er ist ein Profi, der die Spieler zum Nachdenken zwingt. Das heißt: Meistens ist man schon auf der Bank, bevor man überhaupt anfangen kann zu denken. Er ist ein Typ, der seine Prinzipien hat und der wirklich auf das Kollektiv baut, nicht auf den Einzelnen.

Frage: Fühlen Sie sich wohl in diesem System?

Makelele: Jedem sein Job. Der Trainer entscheidet über die Mannschaft und das taktische Schema, und ich passe mich an.

Frage: Mourinho eckt häufig an. Macht er sich mit seiner Art Freunde?

Makelele: Er ist ehrgeizig, er ist jemand mit mehreren Gesichtern. Wir als Spieler haben das Glück, den Menschen zu kennen. Wir kennen nicht nur das Bild, das er von sich zeigt, und wir wissen, dass das häufig ein Spiel ist.

Frage: Chelsea verdirbt den Fußball, indem der Verein mit geöffnetem Scheckheft Spieler anwirbt. Interessieren Sie sich für die Herkunft all dieses Geldes? Gibt es da keine Widersprüche zu ihren tiefsten Überzeugungen?

Makelele: Ich gehöre nicht zu denen, die darüber reden. Das interessiert mich nicht, das entspricht nicht meinem Charakter.

Frage: Warum wollen Sie darüber nicht sprechen?

Makelele: Ich habe keine Lust, das ist alles.

Frage: Möchten Sie lieber über die französische Nationalmannschaft sprechen? Was ist der beste Plan für diese Auswahl: mit einem oder zwei Stürmern?

Makelele: Warum sollte das wichtig sein, solange wir gewinnen? Die Stärke der Mannschaft ist nicht das taktische Schema, sondern die Fähigkeit, sich dem Spiel entsprechend anzupassen, die kollektive Reaktion gegenüber dem Gegner auf dem Platz. Man kann gut mit drei defensiven Mittelfeldspielern spielen, und gegen eine andere Mannschaft fühlt man sich damit weniger gut, entweder weil der Gegner anders spielt oder weil einer der drei nicht so gut in Form ist wie beim Mal davor.

Frage: Zu einer bestimmten Zeit machte es den Eindruck, Sie wären in der französischen Nationalmannschaft der Wasserträger für Zinédine Zidane.

Makelele: Das hing mit den Automatismen aus Madrid zusammen. Es stimmt, dass ich ihn leicht finde, selbst wenn uns die gegnerischen Mannschaften immer mehr behindern.

Frage: Das hat der französischen Mannschaft nicht immer genutzt, oder?

Makelele: Wollen Sie über die Europameisterschaft 2004 reden? Bei der EM in Portugal waren wir alle ganz stumpf, sowohl physisch als auch psychisch. Das war ganz allgemein so. Wir sind schon erschöpft angekommen.

Frage: Seit Ihrer Rückkehr und der von Zinédine Zidane und Lilian Thuram im August des vergangenen Jahres scheinen Sie drei in der französischen Mannschaft eine besondere Bedeutung bekommen zu haben. Woran liegt das?

Makelele: Vielleicht weil wir zurückgekommen sind, um etwas zu erreichen, und wir uns die Möglichkeiten dafür schaffen. Sonst hätten wir ja nicht zurückkehren brauchen. Wir haben zwei verpfuschte Turniere hinter uns. Nun spielen wir unser letztes großes Treffen vor dem Ende der Profikarriere. Deshalb sind wir tatsächlich mental stärker.

Frage: Dass die alten Spieler jetzt wieder bei der WM dabei sind ist nicht gerade wegweisend für die Zukunft. Wäre es nicht besser gewesen, mit jungen Spielern zu arbeiten?

Makelele: Aber Trainer Raymond Domenech hat es doch versucht. Ich habe meinen Platz jüngeren, vielversprechenden Spielern überlassen, die sich einfach beweisen wollten. Ich habe mich zurückgezogen. Ich bin kein Egoist, denn man muss auch mal die anderen machen lassen können. Das ist eine Art, seinem Nächsten zu helfen, indem man es ihm ermöglicht, sich auszudrücken. Aber ich glaube, die Leute haben keine Vorstellung davon, was sich im Hintergrund abspielt. Es gibt diesen Druck in den Köpfen, den Druck durch die Medien und dann ... ich habe keine Lust, darüber zu sprechen, aber es ist enorm. Das ist zu viel für eine junge Mannschaft.

Frage: Die Bedeutung der Sponsoren? Wirtschaftliche Interessen? Druck der Manager?

Makelele: Es ist nicht an mir, darüber zu sprechen. Punkt.

Frage: Brauchte die französische Mannschaft wirklich Zidane, um sich zu qualifizieren?

Makelele: Es wäre doch Verschwendung gewesen, hätten wir uns nicht für Deutschland qualifiziert, oder? Mit uns dreien sind wir dabei. Das ist alles. Wir haben mit einem Schlag den Druck auf uns genommen, und ich glaube, dass das die anderen Spieler befreit hat. Wir sind nach Deutschland gefahren, um dort etwas zu schaffen - um zum Zeitpunkt des Karriereendes nichts bedauern zu müssen.

Frage: Sie sind Botschafter der Weltfriedenstage. Es ist kaum bekannt, dass Sie in diesem Maße gläubig sind.

Makelele: Anfangs hat mich die Kritik an meinem Glauben getroffen. Mir wurde vorgeworfen, dass es nicht mit wahrem Glauben vereinbar sei, durch den Fußball enorme Summen zu verdienen. Das hat mich getroffen. Aber ich habe gelernt, Abstand zu gewinnen. Der Glaube gibt mir Gleichgewicht. Das kommt von meiner Erziehung. Gott hat mir erlaubt, Profi zu werden, er hilft mir, bei Problemen standzuhalten. Ich praktiziere meinen Glauben nicht zu einhundert Prozent, ich gehe nicht zum Beten in die Kirche, weil ich denke, dass man das jederzeit tun kann, zu Hause mit einer Bibel. Aber es beruhigt mich zu beten. Und dann hatte ich das Glück, vor vier Jahren Johannes Paul II. zu treffen. Das prägt einen fürs Leben. Heute weiß ich, dass ich den lieben Gott treffen kann.

Frage: Nach Ihrem Tod, meinen Sie?

Makelele: Wieso? Glauben Sie, es sei unmöglich, ihn zu Lebzeiten zu treffen? Ich nicht.

Die Fragen stellte Christine Sallès