ManU-Krise: Legende ohne Seele - DER SPIEGEL
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ManU-Krise Legende ohne Seele

Welch ein Kontrast: Bis vor zwei Jahren beherrschte Manchester United die Premier League und lehrte Europa das Fürchten. Mittlerweile hat ManU sportlich den Anschluss verloren. Das Team ist verunsichert, der Coach kämpft um seinen Ruf - und ein Ex-Star macht sich ernsthafte Sorgen.
Von Pavo Prskalo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur schnell weg, das Spiel abhaken. Nach außen hin ruhig verließ Alex Ferguson nach dem Pokalspiel gegen Burton Albion am Mittwoch seine Trainerbank in Richtung Kabinentrakt. Schnell gab er seinem Gegenüber noch die Hand, dann verschwand er. Dabei hatte seine Mannschaft nicht etwa verloren - im Gegenteil. 5:0 fertigte Manchester United die Amateurkicker aus Mittelengland im FA-Cup ab und zog damit in die vierte Runde ein. Was den Coach ärgerte, war, dass es überhaupt zu diesem Spiel gekommen war. Gegen den Fünftligisten blamierte sich ManU beim 0:0 vor elf Tagen und ermöglichte den Amateuren erst den Traum vom Wiederholungsspiel - diesmal nicht im Pirelli-Stadion in Burton, sondern im Old Trafford, der glorreichen Arena in Manchester.

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Glorreiches Man United: Sir Alex und King Cantona

Foto: AP

In seinem Stadion ist Ferguson aber klangvollere Namen gewöhnt als Burton. Real Madrid, Juventus Turin oder den FC Liverpool zum Bespiel. Am Sonntag gastiert der Club des deutschen Nationalspielers Dietmar Hamann dort. Ferguson will gewinnen - unbedingt. Wie immer. Aber er weiß auch: Es ist nicht mehr so wie früher. Wie 2003, als ManU zuletzt den Titel in der Premier League gewann. 15 Mal insgesamt holten sie die Meisterschaft. In dieser Saison hat Manchester keine Chance mehr. Erzfeind José Mourinho hat mit dem FC Chelsea nach 22 Spielen schon 16 Punkte Vorsprung. Statt um den Titel mitzuspielen, geht es gegen Liverpool um die Champions-League-Teilnahme. 1999 holte man sich in diesem Wettbewerb den Cup gegen Bayern München. Danach ging es stetig bergab. In dieser Saison schied ManU als Gruppenletzter der Vorrunde aus. Teams wie Benfica Lissabon, FC Villarreal oder der RC Lens waren stärker.

Ferguson will kämpfen

Und Ferguson? Der steht längst nicht mehr frisch an der Außenlinie wie früher, locker Kaugummi kauend und mit einem Gewinnerlächeln - er steht unter Druck. Und er wirkt verkrampft. Bei der 1:3-Niederlage vergangenes Wochenende im Derby gegen Manchester City verlor er in der Halbzeitpause die Nerven und ging auf Schiedsrichter Steve Bennett los. "Du wirst eine große Polizeieskorte benötigen, um hier heil raus zukommen", schimpfte Ferguson und warf dem Referee vor, eine Abseitssituation bei Citys Führung falsch bewertet zu haben. Dass seine Elf unterirdisch spielte, ließ er unerwähnt. Auch drei Tage zuvor beim 1:1 im Carling Cup gegen die Blackburn Rovers enttäuschte sein Team.

Aber Ferguson will trotz Kritik an seiner Person kämpfen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. 20 Jahre ist er nun schon bei ManU. Dass er möglicherweise zu lange im Club ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Wieso auch? Die Clubchefs stehen hinter ihm. Sie kauften ihm vor einigen Wochen zwei seiner Wunschspieler: Für acht Millionen Euro kam der französische Linksverteidiger Patrice Evra vom AS Monaco, 2,5 Millionen mehr noch investierte man in den serbischen Innenverteidiger und WM-Teilnehmer Nemanja Vidic von Spartak Moskau. "So viel Geld gibst du nicht aus, wenn du deinem Coach nicht vertraust", beteuert ManU-Geschäftsführer David Gill. Namen wie Ottmar Hitzfeld oder Guus Hiddink, potentielle Nachfolger von "Sir Alex", kommentiert Gill öffentlich nicht.

Geld ausgegeben hat Ferguson reichlich. 3,5 Millionen Euro kostete Torwart Tim Howard 2003, für 7,3 Millionen wurde der Südkoreaner Ji-Sun Park vor der Saison geholt. Ganze 17,5 Millionen gab Manchester vor zwei Jahren für Louis Saha aus. Alle sitzen zumeist auf der Bank. Andere Flops haben den Verein längst wieder verlassen: 2003 ging Juan-Sebastian Veron für 22,5 Millionen Euro zum FC Chelsea. Zwei Jahre zuvor hatte ihn ManU für das Doppelte eingekauft.

Der merkwürdige Ballack-Vergleich

Trotz der Millionenausgaben hat Ferguson es nicht geschafft, Ex-Kapitän Roy Keane adäquat zu ersetzen. Der 34-jährige Ire verließ vor einem Monat den Verein im Streit Richtung Celtic Glasgow. Ohne Keane, der in der Vorrunde zudem meist verletzt ausfiel, fehlt United "die Seele", wie viele Fans klagen. Es sei nicht mehr "das alte United". Es fehlt der Führungsspieler schlechthin. Ein Ersatz ist noch nicht in Sicht. Michael Ballacks Verpflichtung wurde von Ferguson mit der merkwürdigen Begründung abgelehnt, er sei ein zu ähnlicher Spielertyp wie Wayne Rooney und Paul Scholes. Auch Thomas Gravesen (Real Madrid) wollte Ferguson nicht. Nun hat United die Fühler nach Gennaro Gattuso vom AC Mailand ausgestreckt. Ein Profi, der seine Gegenspieler zermürbt, sie anschreit. Einer wie Keane. Eine echte Führungskraft.

Aber Keanes Fehlen ist nicht der einzige Grund für die Verunsicherung in der Mannschaft. 2003 war durch den Abgang des ManU-Vorstandsvorsitzenden Peter Kenyon Unruhe in den Verein gekommen. Der FC Chelsea hatte Kenyon mit einem Millionengehalt gelockt. Zwei Jahre später kaufte die Familie Glazer für 1,2 Milliarden Euro den Verein - gegen den Willen der Anhänger. Die Fans quittierten die feindliche Übernahme mit wütenden Protesten. "ManU not for sale" war auf vielen Plakaten zu lesen. Und auch wenn die Eigentümer im Sommer noch einmal in die Mannschaft investieren wollen - von umgerechnet rund 30 Millionen Euro ist die Rede - eine Liebesbeziehung der Anhänger zu Glazer wird nie entstehen. Das Verhältnis zwischen Fans und Eigentümern ist und bleibt gespalten.

Und mittendrin steht das Team, was Einem aus erfolgreichen Tagen große Sorgen bereitet. Eric Cantona, der von 1992 bis 1997 im roten Trikot stürmte und von den Fans zum besten Spieler der ManU-Geschichte gewählt wurde, äußerte sich jüngst zur Vereinspolitik. "Ich bin traurig. Der Abgang von Keane und der Einstieg der Glazer-Familie - ich glaube, der Club verliert seine Philosophie", sagte der Franzose. "Der Tod von George Best könnte einhergehen mit dem Tod der Seele eines großen Clubs."