ManUnited Mitte der Neunziger Die jungen Wilden kommen
United-Superstar Beckham: Junge Brut und ein Leitwolf
Foto: Shaun Botterill/ Getty ImagesLesen Sie im ersten Teil, wie Trainer Ferguson Anfang der Neunziger die Weichen für den Erfolg stellte und im zweiten Teil , wie United zur Geldmaschine mutierte.
1997 war die Cantona-Show in Old Trafford vorbei. Sein plötzlicher und unwiderruflicher Abgang war vor allem für die Fans ein schwerer Schlag. Die Mannschaft konnte ihn dagegen gut verkraften. Roy Keane stand als Erbe bereit. Längst war er zum heimlichen Kapitän und zu Fergusons Dreh- und Angelpunkt geworden. Und die "Kids" aus Fergusons Nachwuchsabteilung waren flügge.
Neben Cantona hatten auch Steve Bruce, Paul Ince, Mark Hughes und Brian Robson ihre Spinde geräumt. Die neuen hießen Paul Scholes, David Beckham, Nicky Butt und Gary Neville. Peter Schmeichel und Ryan Giggs waren da längst zu Markennamen geworden. Ferguson hatte den Generationenwechsel vollzogen.
Um seinen Leitwolf Keane, der mit seiner unnachgiebigen Entschlossenheit eine Art Ringträger Fergusons in den neunziger Jahren war, hatte sich die junge Brut geschart. Nicht ohne Grund hatte der Schotte 1993 die damalige Rekordsumme von 3,75 Millionen Pfund für Keane ausgegeben und sich dafür mal wieder mit seinem Landsmann Kenny Dalglish verkracht. Der damalige Trainer der Blackburn Rovers hatte per Handschlag eine Zusage von Keane erhalten. Es war Freitag und die Verträge sollten erst in der Folgewoche gedruckt und unterzeichnet werden. Ferguson, der bekannt ist, seine Augen und Ohren überall zu haben, bekam davon Wind und überredete Keane am Samstag zu einer Unterschrift bei United. Dalglish ging die Wände hoch, aber das änderte nichts an der Entscheidung Keanes, der zu einer Art Spiritus Rector der "Red Devils" wurde.
Im Rampenlicht stand jedoch meist ein anderer. Der Fußballzirkus begann um den jungen David Beckham zu rotieren. Cantona hatten sie den King genannt, Beckham ließ sich bei seiner Hochzeit mit Victoria Adams für das "OK!-Magazin" auf einem Thron ablichten. Er wurde mit seinem prätentiösen und auf stete Maximierung des Glamours bedachten Lebensstil zum Zugochsen für die Clownerie, die in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts nicht nur den Fußball, sondern das ganze Land beherrschte.
Fußball als Staatsreligion
"Cool Britannia" war das Motto der Stunde. Tony Blair und seine Imageberater hatten den runderneuerten Sport für sich entdeckt. Fußball wurde zur Staatsreligion und zur wichtigsten Nachricht für TV und Presse. Dass Beckham zwar im Zentrum des bunten Treibens stand, keinesfalls aber Meister der Manege war, wurde ihm spätestens bei der WM 1998 in Frankreich bewusst. Nach seinem Platzverweis im Spiel gegen Argentinien lastete ihm der Boulevard das Ausscheiden der englischen Elf an. Die Folge der Kampagne waren Morddrohungen, Dartscheiben mit seinem Konterfei und eine Beckham-Puppe, die von einer Meute in einem Londoner Pub symbolisch aufgeknüpft wurde. "Gott vergibt sogar David Beckham", stand an einer Kirche geschrieben.
Derweil wurde der Wettbewerb um die Übertragungsrechte immer intensiver und trieb die Preise in die Höhe. "BSkyB", der Haus- und Hofsender der Premier League, hatte zur Saison 1997/98 für den Anschlussvertrag mit der Liga mehr als das Dreifache im Vergleich zu 1992 auf den Tisch gelegt. Dazu kam, dass vor allem die großen Clubs mit der Eigenvermarktung der Rechte zu liebäugeln begannen.
Auch das Internet weckte Begehrlichkeiten. Pay-per-View hieß die rosige Vision der Chefetagen, in der weltweit Millionen von TV-Zuschauern ihren Schirm per Kreditkarte freischalten sollten. Und so war es nur eine logische Konsequenz, dass Murdochs Pay-TV-Sender seine Finger nach dem Kronjuwel der Liga ausstreckte, um sich den Zugang zu seiner heißesten Ware langfristig zu sichern. Denn diesen sah man bei "BSkyB" zu Recht gefährdet. Einen Tag, nachdem der Vorstand von Man United das Übernahmeangebot von "Sky" angenommen hatte, startete "Manchester United Television" mit dem Sendebetrieb.
Martin Edwards muss sich die Augen gerieben haben. Zwar besaß er nur noch 14 Prozent der Aktien an Manchester United, aber für die wollte "Sky" nun 87 Millionen Pfund bezahlen. Der Club, den er keine zehn Jahre zuvor für 20 Millionen Pfund hatte verkaufen wollen und für den er und sein Vater gerade mal eine Million Pfund bezahlt hatten, war dem Sender nach einer weiteren Erhöhung des Angebots mehr als eine Milliarde Pfund wert. Am Ende scheiterte der Deal an dem Hype, den "Sky" selbst verursacht hatte. Denn die englische Kartellbehörde widersprach der Übernahme.
Mit ihrer weiträumig ausgelegten Interpretation des öffentlichen Interesses schaffte die Behörde ein überraschendes Präjudiz, das von vielen Fans, die sich lautstark gegen die Übernahme gewandt hatten, als Aufbruchssignal im Kampf gegen die Schacherei mit dem Fußball verstanden wurde. Dass diese Hoffnung trügerisch war, wurde den Letzten erst sechs Jahre später klar, als die Glazer-Familie den Verein mit geborgtem Geld kaufte und ihm die Schulden für die Übernahme gleich überschrieb.
Lesen Sie morgen im vierten und letzten Teil der ManUnited-Geschichte ein Portrait über Trainer Alex Ferguson, der vom Hafenarbeiter bis zum Champions-League-Sieger aufstieg.